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Ralf Rothmann zu Gast im Literarischen Zentrum Göttingen

Ein Jahr und ein Pistolenlauf Ralf Rothmann zu Gast im Literarischen Zentrum Göttingen

„Ich wollte immer schon ein Buch über meinen Vater schreiben“. Seinen Roman "Im Frühling sterben" stellte der preisgekrönte Autor Ralf Rothmann am Mittwochabend im überaus gut besuchten Literarischen Zentrum vor.

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Ralf Rothmann

Quelle: Heller

Göttingen. Rothmann zog wohl auch deswegen so viele Besucher an, weil wohl jeder einen Mann kennt, der nicht mehr sprach, als er nach 1945 heimkehrte: schweigende Söhne, Ehemänner und Väter, die an Leib und vor allem an der Seele verwundet waren durch das, was ihnen als Soldaten während des 2. Weltkrieges widerfahren ist. Er habe kein Bild einer Generation machen wollen, so der 1953 in Schleswig geborene Autor, der vor der Schriftstellerei als Maurer, Krankenpfleger und Koch tätig war. Vielleicht hat er es trotzdem getan.

„Man liest hier wie aus dem Kleiderschrank heraus“, kommentiert er humorvoll die eigenwilligen räumlichen Gegebenheiten im Literarischen Zentrum, bevor sich sein Text wie ein dichtes Netz über den Zuhörern ausbreitet und gleichzeitig eine große Stille. In schlichter sprachlicher Schönheit und mit großer Erzählökonomie schreibt Rothmann von den Teenagern Walter – der an seinen Vater angelehnt ist – und Fiete, die während der letzten Kriegswochen noch zwangsrekrutiert werden, denn von einem Tanzvergnügen mit Freibier angelockt, gehen sie in die Falle der Waffen-SS. Fiete versucht zu desertieren, wird geschnappt und zum Tode verurteilt. Am Abend vor der Erschießung darf Walter noch einmal zu ihm in die Gefängniszelle, wo er mit seinem Freund einen letzten Schnaps trinkt und schlechten Tabak raucht. Rothmann gelingt eine große Zärtlichkeit ohne Pathos in dieser Szene, die ihren schrecklichen Höhepunkt in der Frage hat: „Wirst du da sein?“ Walter sagt ihm nicht, dass er es sein wird, der ihn erschießen muss.

Wegen dieser Szene wollte er aufgeben, erzählt Rothmann im Gespräch mit der Göttinger Literaturwissenschaftlerin Claudia Stockinger. Ein Jahr und einen Pistolenlauf vor seinen eigenen Augen habe es gebraucht, bis er sie habe schreiben können. Ein Überfall auf ihn und seine Frau habe den Knoten letztendlich gelöst. Sein Vater habe ihn fasziniert durch seinen „stillen Heroismus“, denn er habe sich nie beklagt, immer weiter gemacht. Ein „eleganter Arbeiter“ sei er gewesen. Und letztendlich ist im „Im Frühling Sterben“ nicht nur ein Vater-, sondern ein Vater-Sohn-Roman, denn die Kriegstraumen der Väter werden im Gedächtnis der Zellen gespeichert wie man heute weiß und oftmals an die nächste Generation weitergegeben. So geht es auch Rothmann, der auch nach Vollendung dieses Romans mehrmals im Jahr von Träumen heimgesucht wird, in denen er erschossen wird.

Den vielfach thematisierten Bezug zu Günter Grass sieht Rothmann selbst nicht. Er habe „Beim Häuten der Zwiebel“, Günter Grass Selbstzeugnis – unter anderem über seine Zeit in der Waffen - SS bis heute nicht gelesen. So schnell kann eine feuilletonistische Blase zerplatzen.

Von Marie Varela

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