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„Tilmann Otto klingt voll Reggae!“

Interview mit Gentleman „Tilmann Otto klingt voll Reggae!“

Gerade hat er mit dem Sohn von Bob Marley, Ky-Mani, ein Album aufgenommen: Gentleman ist der bekannteste Reggae-Künstler Deutschlands. Im Interview erzählt er von Jamaika, Bob-Marley-Coversongs – und davon, wie seine 18 Monate alte Tochter auf dessen Musik reagiert. Am 17. September tritt Gentleman beim NDR2 Soundcheck Neue Musik Festival auf.

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Gentleman

Quelle: Pascal Brünning

Was bedeutet es für Sie, mit dem Sohn von Bob Marley Musik zu machen?

Gentleman: Also in erster Linie geht es für mich um Ky-Mani Marley. Ich glaube, es ist alles andere als einfach, der Sohn von Bob Marley zu sein. Es ist natürlich faszinierend, wie Bob sein Timbre an seine Kinder und Enkelkinder weiterverbt hat und trotzdem ist jedes von ihnen ein eigenständiger Künstler. Ky-Mani sagt selbst in Interviews, dass es ein zweischneidiges Schwert ist – auf der einen Seite ist es ein Segen, die Message und die Legacy (deutsch: das Erbe) von seinem Vater weitertragen zu dürfen. Auf der anderen Seite wird er natürlich immer verglichen.

Auf Ihrem Album befindet sich ja auch ein Cover-Song von Bob Marley: „Simmer Down“. Hatten Sie Respekt davor, ein Lied von dem Mann, der als Mitbegründer des Reggae gilt, aufzunehmen?

Ich glaube, man muss generell bei Cover-Versionen Respekt vor dem Original haben. Es geht nicht darum, zu versuchen, so nahe wie möglich daran zu kommen – das schafft man sowieso nicht –, sondern auch darum, zu erinnern. „Simmer Down“ ist nicht der bekannteste Marley-Song und das Cover war Ky-Manis Idee. Ihm fehlte bei unseren Songs noch was zum Swingen. Meine Idee war es dann, Marcia Griffiths mit ins Boot zu holen, die viele Jahre mit Bob Marley durch die Welt getourt ist.

Was wollten Sie in Ihrer Cover-Version ändern?

Verändern wollten wir nichts. Wir wollten in erster Linie erinnern und das Lied ein bisschen schneller machen, ein bisschen moderner produzieren und trotzdem den Ursprung erhalten.

Sie sind Familienvater: Können Ihre Kinder noch etwas mit Bob Marley anfangen?

Ja, mein Sohn ist 15, der steht total auf Bob Marley. Meine Tochter ist erst 18 Monate alt, die ist da noch nicht so drin (lacht). Aber wenn sie Bobs Musik hört, tut sich auf jeden Fall was.

Schreit sie dann weniger oder was passiert dann?

Genau, die Musik ist sehr beruhigend.

In Ihrem neuen Album „Conversations“ geht es auch um die Message der persönlichen Kommunikation statt der von Smartphone zu Smartphone. Ist das musikalisch einfacher zu vermitteln als mit erhobenenem Zeigefinger?

Erhobener Zeigefinger ist immer schwierig. Musik hat die Möglichkeit, auf eine unaufdringliche Art und Weise Sachen zu besprechen und im Idealfall Debatten auszulösen. Wenn du das nicht willst, kannst du dich aber auch einfach nur dazu bewegen, das ist das Schöne daran. Dieses Missionarische, dieses „Meine Wahrheit muss auch deine sein“ führt nur dazu, dass wir so viel Krieg auf der Welt haben. Ich finde Musik immer dann besonders magisch, wenn es für mich als Konsument Textzeilen gibt, die meine Gedanken wiederspiegeln. Wenn ich merke: Ich bin nicht alleine.

Sie sind häufiger auf Jamaika. Sind Sie dort zur Reggaemusik gekommen?

Ich habe es da intensiviert und richtig kennengelernt und in Jamaika festgestellt, dass die Musik über die Musik hinausgeht, es etwas wirklich Spirituelles ist. Das ist etwas, was ich in Deutschland, als ich die Musik kennengelernt habe, so nicht gefunden habe.

Kommt die Inspiration in deutschen Städten wie Osnabrück, wo Sie geboren sind, oder Köln, wo Sie leben, also nicht so leicht?

Ich würde nicht sagen, dass es nicht funktioniert. Es ist etwas anderes. Inspiration muss aus verschiedenen Quellen kommen. Ich fühle mich total wohl in Deutschland und kann mich auch in Osnabrück inspirieren lassen. Kingston ist aber die Stadt und Jamaika das Land, wo die Reggaemusik geboren wurde. Das hat nochmal einen anderen Stellenwert, was die Präsenz der Musik angeht. In dem Moment, wo ich in Kingston bin, bin ich automatisch in diesem Sog. Aber Inspiration kann von überall kommen.

Was kann Sie zum Beispiel in Osnabrück inspirieren?

Ein gutes Gespräch, dieses Wissen, dass es die Stadt ist, in der ich geboren bin. Ich bin mit einem Jahr nach Köln gezogen und kenne Osnabrück ehrlich gesagt nicht richtig. Ich hatte, glaube ich, zwei Konzerte dort und das war sehr inspirierend, weil man auch gemerkt hat, dass die Leute wissen, dass ich dort geboren wurde, das hatte seinen eigenen Spirit.

Und wie sieht‘s mit Göttingen aus, wo Sie im September beim NDR2 Soundcheck Festival auftreten: Waren Sie da schon mal?

Ich weiß es gar nicht, ich glaube schon. Das Problem ist: Ich war an vielen Orten, habe aber wenig gesehen.

Also haben Sie keine Erinnerungen an Göttingen?

Nein, aber ich werde es aufsaugen (lacht).

Gut. Ihr bürgerlicher Name Tilmann Otto klingt nicht wirklich nach Reggae. Aber mal ehrlich: Sind Sie wirklich ein Gentleman?

Klar, Tilmann Otto klingt voll Reggae! (lacht)

Echt?

Das sind ja alles nur Namen, für mich ist das, was die Musik so kraftvoll macht, dass es nicht um mich geht, sondern darum, dass Musik verbindet. Tilmann Otto und Gentleman sind eine Person, was ich persönlich als Tilmann Otto denke und fühle, bringe ich als Gentleman auf die Bühne.

Und: Sind Sie nun ein Gentleman?

Ich glaube schon, ja. Ich habe schon ein freundliches Wesen.

Interview: Hannah Scheiwe

Zur Person

Reggaemusiker Gentleman heißt mit bürgerlichem Namen Tilmann Otto und lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Köln. Mit der Stadt ist er verwurzelt, auch wenn es als Jugendlicher nicht immer glattlief. Der Sohn eines Pastors wurde von zwei Schulen verwiesen, das dritte Gymasium verließ Gentleman freiwillig. Seine Karriere begann er in den Neunzigerjahren in Zusammenarbeit mit der Hip-Hop-Formation Freundeskreis.

Sein erstes eigenes Album „Trodin On“ veröffentlichte der 42-Jährige bereits 1999. Im Jahr 2002 gelang ihm mit seinem zweiten Album „Journey to Jah“ der Durchbruch: Gentleman wird Deutschlands erfolgreichster Reggae-Sänger, erhält Gold- und Platinauszeichnungen und tritt weltweit auf. Es folgten sechs weitere Alben, zuletzt die in diesem Jahr mit Ky-Mani Marley aufgenommene Platte „Conversations“.

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