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„Reichmacher“ im Alten Rathaus in Göttingen

Kultursommer mit Finanzkabarettist Chin Meyer „Reichmacher“ im Alten Rathaus in Göttingen

Von Betreuungsgeld über Eurokrise bis Steueroptimierung: Beim Göttinger Kultursommers hat sich Finanzkabarettist Chin Meyer in seinem Programm „REICHmacher! – Reibach sich wer kann!“ am Sonnabend im voll besetzten Alten Rathaus in Göttingen auf die Spur des kleinen und des großen Geldes begeben.

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Quelle: Heller

Göttingen. Genauer gesagt, sind Meyer und der Steuerfahnder Siegmund von Treiber im Einsatz. Der Mann von der Oberfinanzdirektion pflegt einen zackig scharfen Ton. Beamtengrau verteilt er zügig Formulare zur Selbstanzeige, rattert Steuerarten runter, dass einem blümerant wird und fragt auch gleich noch knallhart Grundkenntnisse zum Thema unter den Zuschauern ab. Gut, dass es zu all den finanzbürokratischen „Wahrheiten“ auch einen Gegenpart gibt.

„Meyer“, die zweite Bühnenfigur, fungiert als netter Aufklärer, der auf Risiken und Nebenwirkungen hinweist und über die alltäglichen Arm- und Reichmacher informiert. Denn mit der richtigen Einstellung ist schon eine Menge gewonnen. Etwa, wenn man seinen „digital verstrahlten Neffen“ austrickst indem man ihm ein schnödes Märchenbuch als hippe Databox unterschiebt oder man sich mit einem Mehr an Überwachung anfreundet. Durch sämtliche Instanzen hindurch abgehört, gehen wenigstens keine Daten mehr verloren, auch nicht die Notizen auf der Einkaufsliste.

Der Kabarettist erklärt die Finanzblase, macht sich über Niedrigzinsen lustig und geißelt steuerkreative Unternehmen wie Starbucks und Google. Einiges an Klischees wird abgearbeitet (auch in der nach der Pause bereits von Meyer verlesenen Pressekritik des gesamten Abends; wonach alles brillant sowieso und mindestens großartig war). Dabei ist manches im Programm, wie Strauss-Kahn, Elbphilharmonie und der Lustreisen-Skandal eines Versicherungsunternehmens, nicht mehr taufrisch, aber beim Publikum immer noch angesagt.

Meyer ist mit viel Energie und frechem Charme bei der Sache. Und seine Klassiker – wie sich mit faktisch nicht ausgegebenen 100 Euro in einem Finanzkreislauf 1000 Euro Umsatz generieren lässt und wie man mit dem neu konstruierten Finanzprodukt „Schuldscheine für Alkoholiker“ mächtig Geld machen kann – sind ein Youtube-Hit und schlichtweg ein Muss. Das Publikum amüsiert sich mächtig.

Begleitet von Andreas Gundlach am Klavier, der ein herrliches Solo an und mit Tasten und Panflöte hinlegt, überrascht und überzeugt Meyer mit einer tollen Gesangsstimme. Bekannte Popsongs und Schlager gibt der Berliner mit neuen Texten zum Besten. Neben seinem schauspielerischen Können kommt er auch als Improkateur rüber. Mit phänomenalem Gedächtnis hat er dabei all die vielen Namen und Hinweise von Zuschauern parat, die er über den Abend immer wieder befragt hat. Deren Stichworte und noch ein paar mehr zu Göttingen macht er zum Inhalt seiner Göttingen-Oper. Das ist zwar nur eine Arie, aber ein witziger und unterhaltsamer Reibach wie das Programm insgesamt.

Am Sonntagabend gastieren Mark Gillespie & Thomas Drost beim Göttinger Kultursommer. Das Konzert beginnt um 20 Uhr im Alten Rathaus am 2. August. Eine Woche später, am 9. August, gastiert der Schauspieler August Zirner dort um 20 Uhr. Mit dem Bassisten Kai Struwe wird Zirner (Rezitation und Flöte) das zeitlose Märchen "Der kleine Prinz" stimmungsvoll neu interpretieren ( kultursommer.goettingen.de).

Von Karola Hoffmann

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