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Reinhild Hoffmann inszeniert Francis Poulencs

Staatstheater Kassel Reinhild Hoffmann inszeniert Francis Poulencs

Auf deutschen Bühnen sind Opern von Francis Poulenc (1899-1963) nur verhältnismäßig selten zu sehen. Das Staatstheater Kassel hat jetzt in der Inszenierung von Reinhild Hoffmann „Les Dialogues des Carmélites“ herausgebracht: ein völlig unzeitgemäßes Stück – auf den ersten Blick.

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Junge Nonnen auf Sinnsuche: Ingrid Frøseth als Constance (links) und Nicole Chevalier als Blanche.

Quelle: Ketz

Französische Revolution. Adel und Kirche sind gleichermaßen bedroht. In einem Kloster in Compiègne leben 16 Nonnen, zu ihnen gehört Blanche, die sich aus der bedrohten Welt in die vermeintliche Sicherheit des Klosters geflüchtet hat. Doch diese Sicherheit erweist sich als trügerisch. Die Nonnen bekennen sich zu ihrem Glauben und sterben auf dem Schafott, als letzte von ihnen Blanche.

„Die Letzte am Schafott“ hat die deutsche Schriftstellerin Gertrud von le Fort ihre 1931 erschienene Novelle genannt, in der sie die historischen Ereignisse des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit der von ihr erfundenen Gestalt der Blanche vermischt. Diese Novelle hat Georges Bernanos 1947 zu einem Filmdrehbuch umgearbeitet – dieses Drehbuch wiederum war die Grundlage für das Libretto der 1957 uraufgeführten Oper von Poulenc.

Es geht also um das Verhältnis der Kirche zur weltlichen Gewalt. Das war nicht nur in der französischen Revolution problematisch, sondern beispielsweise auch besonders schwierig in Deutschland und Europa in den Jahren nach 1933. Das muss man mitdenken, wenn man darüber nachdenkt, was die „Dialogues des carmélites“ mit unserer Zeit zu tun haben. Vielleicht sollte man auch an jene Fanatiker denken, die freudig ihr Leben bei einem Selbstmordattentat opfern – im Bewusstsein, Märtyrer für eine gerechte Sache geworden zu sein und damit Anspruch auf himmlischen Lohn zu erwerben.

Poulencs Oper ist auf weite Strecken undramatisch, seine musikalische Sprache auf anrührende und zugleich befremdliche Weise süchtig nach Klangschönheit. Das war für Komponisten der 1950er Jahre nicht gerade die Regel.

Faszinierende Bilder

Regisseurin Reinhild Hoffmann bevorzugt das Mittel der Stilisierung, ihre Personenführung ist auf Klarheit bedacht, streckenweise ist es sogar eine Art gemessener Schritt-Choreografie, mit der sie faszinierende Bilder zeichnet. Dazu liefert Sabine Böing mit einer fast leeren Bühne und strenger Kostümierung den passenden optischen Rahmen.

„Les Dialogues des Carmélites“ ist eine Oper der Frauen. Was das angeht, kann Kassel derzeit aus dem Vollen schöpfen: Nicole Chevalier als Blanche ist ebenso stark in der Charakterzeichnung wie im perfekten Umgang mit ihrer nuancenreichen Stimme. Monika Walerowicz als Mutter Marie und Bettina Jensen als neue Priorin stehen ihr nicht nach, dazu flicht Ingrid Frøseth als Schwester Constance wunderbar federleichte, von aller Erdenschwere freie Soprangirlanden. 

Eindrucksvoll Cornelia Dietrich als alte Priorin, deren Bühnenpräsenz umwerfend ist. Prächtig zeichnet Stefan Adam die kleine Rolle des Vaters. Der bewegliche Tenor von Michael Smallwood (Blanches Bruder) steuert helle Lichter bei, Johannes An ist als Beichtvater darstellerisch scharf profiliert und musikalisch sehr präzise. Die  reiche Klangfarbenpalette Poulencs ist bei Dirigent Patrik Ringborg in guten Händen: Er führt das gut disponierte Staatsorchester souverän und sorgt für wohlige Schauer.

Termine: 1., 9., 21. und 31. Mai, 17. Juni. Karten unter Telefon 0561/1094222.

Von Michael Schäfer

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