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Religiöse Motive als Ausdruck geistiger Haltung

Käthe Kollwitz und Ernst Barlach in Göttinger Innenstadtkirchen Religiöse Motive als Ausdruck geistiger Haltung

Bleiern, nein bronzen, massiv und entrückt hängt an Stahlseil und Ketten die „schwer ruhende Unbeweglichkeit“ des Güstrower Ehrenmals von Ernst Barlach in der Göttinger Nikolaikirche. Als eines der Hauptwerke des Künstlers ist es Teil der mehr als 150 Objekte umfassenden Ausstellung „Kollwitz und Barlach“, die derzeit an fünf Göttinger Orten zu sehen ist.

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Blick in die Ausstellung: Barlachs „Schwebender Gottvater“ von 1922.

Quelle: Heller

Die Kirchen St. Johannis, St. Jacobi, St. Nikolai sowie das Evangelische Studienhaus, auf dessen Initiative hin das Projekt nach eineinhalb Jahren Vorbereitungszeit zustande kam, und die Universitätsmedizin sind an der Werkschau beteiligt.

Radierungen, Schmirgeldurchdrucke, Holzschnitte, Lithografien säumen die Wände der Kirchen. Arbeiten von 1900 bis in den zweiten Weltkrieg sind zu sehen, davor Bronzen, Porzellanfiguren und Böttgersteinzeug.

„Ernst Barlach und Käthe Kollwitz“, so Jürgen Doppelstein, Vorstand der Ernst-Barlach-Gesellschaft Hamburg, im Festvortrag, galten nach 1945 als Künstler, die ein anderes, ein friedfertiges und gegen den Krieg gewandtes Bild von Deutschland transportieren sollten. Ihre Werke wurden gemeinsam bereits 1948 in Schweden ausgestellt, bald darauf in Ungarn, England, den USA und Australien.

Einen tiefdunklen Schatten wirft der Kopf der Arbeiterfrau, den Kollwitz zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts mit Kohle festhielt, auf die Wand, auf das Papier. Noch tiefer graben sich die Schatten unter ihren Augen ein. Es ist die Not als gesellschaftliches Problem, das in den vielen gezeigten Photolithografien der Künstlerin dargestellt wird. Blätter aus ihren Mappen „Abschied und Tod“, „Bauernkrieg“, sowie Bilder von Hunger und Sterbenden aber auch von Nähe und Liebe, von trauernden Müttern, sind zu sehen. Düster korrespondieren die dunklen, kräftigen Zeichnungen, die kompakten, kauernden, hockenden Formen mit dem Ausstellungsraum.

Zwei Schritte weiter sieht man Barlachs Zeichnungen, vorn sind zumeist seine Plastiken vertreten. In Gruppen zeigt sich ihre Formensprache, die Aussagen in Körperhaltungen transportiert, die von dort aus zum Zeichen werden. So sind der „Buchleser“, „Der singende Mann“ und „Flötenbläser“ nicht nur thematisch einander zuzuordnen, so wirkt auch der lehrende Christus ganz als Gebender, so bestehen auch die vielen religiösen Motive als Ausdruck einer geistigen Haltung.

Die Broschüre, die neben den Texten der Ausstellung auch die ausführlichen Lebensläufe Barlachs und Kollwitz’ zusammen mit Ereignissen der deutschen Geschichte darstellt, wirkt politisch unvollständig. Zwar nennt sie Barlachs Rundfunkrede sieben Tage vor Hitlers Machtantritt gegen den Zwangsausschluss von Kollwitz und Heinrich Mann aus der Preußischen Akademie der Künste, nicht aber, dass er ein Jahr später im August mit seiner Unterschrift unter dem Aufruf der Kulturschaffenden Hitler seine Gefolgschaft versichert. Diese Art Auslassung hat die Ausstellung nicht nötig. Zudem stellt das Heft fest, dass „keine Utopie“ die Arbeiten Kollwitz’ durchzieht. Ihre der Welt zugewandte, politisch-moralische Haltung sei nicht etwa kommunistisch oder sozialistisch. Kollwitz thematisiere das Elend der Armen und Schwachen, der Arbeiterfrauen des Prenzlauer Bergs, der Opfer der Bauernkriege als individuelle Schicksale. Und doch steht bei ihr ein Teil für das Ganze.

Die Ausstellung ist bis zum 10. November montags bis sonnabends von 11 bis 18 Uhr zu sehen, sonntags zusätzlich von 11.30 bis 18 Uhr nur in der Jacobikirche.

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