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Ritt auf der Rasierklinge

Premiere am Deutschen Theater Göttingen: „Romulus der Große“ Ritt auf der Rasierklinge

Die Germanen stehen vor den Toren Roms. Dem Imperium droht der Untergang. Aber der Kaiser verweigert sich, etwas zu unternehmen. Friedrich Dürrenmatts Komödie „Romulus der Große“ wird selten gespielt. Die Inszenierung von Matthias Kaschig hatte am Sonnabend Premiere am Deutschen Theater.

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Gegner auf Augenhöhe: Romulus (Gerd Zinck, links) und Germanenfürst Odoaker (Bardo Böhlefeld).   

Quelle: Jauk

Göttingen . Rom retten? Nicht mit Romulus Augustus. Statt sein Reich gegen die germanische Invasion zu verteidigen, kümmert sich der Kaiser lieber um seinen Hühnerstall. Die Lage ist ernüchternd. Der Staat ist bankrott, die Regierung untätig. 

Einzig die Heirat seiner Tochter Rea mit dem superreichen germanischen Hosenfabrikanten Cäsar Rupf könnte das Römische Reich noch retten. Doch Romulus versagt der Eheschließung seinen Segen. Er füttert weiter das Federvieh auf seinem Landsitz und hat sich und das Römische Reich längst aufgegeben. Ein Mordkomplott gegen den Herrscher schlägt fehl. Von Hofstaat und Familie verlassen, erwartet Romulus die Germanen und seinen sicheren Tod. Doch als er seinem germanischen Widersacher gegenübersteht, nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung.

Der letzte Tag des römischen Reiches spielt auf einem riesigen Strohhügel, der durchaus auch ein Misthaufen sein könnte (Bühne: Michael Böhler). Die Lage ist bitterernst. Hier hilft nur noch das Lachen, die Überspitzung. Die Akteure am Hof (Achtung Wortspiel) rennen wie aufgescheuchter Hühner durcheinander. Und der Kaiser gebärdet sich wie ein Narr. Nein, mitnichten. Als er die Maske allmählich fallen lässt, wird klar: Romulus verweigert sämtliche Erwartungen an ihn und verfolgt ganz gezielt seinen eigenen Plan. Er handelt aus „politischer Einsicht“, um dem Imperium, einem Gebilde, das für Mord, Plünderung und Unterdrückung anderer Völker steht, den Untergang zu bescheren.

Gerd Zinck in der Rolle des Romulus legt einen tollen Ritt auf der Rasierklinge hin. Charismatisch und mit leichter Hand zieht er die Fäden. Und das Ensemble um ihn herum begleitet ihn mit viel Fingerspitzengefühl auf diesem schmalen Grat zwischen Tragik und Komik. Von Endzeitstimmung beherrscht, verfolgt jeder ganz schlüssig und facettenreich die eigenen Motive seiner Figur, mag es Machterhalt, Gier, Traditionsbewusstsein oder was auch immer sein. Bardo Böhlefeld (mit Augenzwinkern sehr selbstbewusst) gibt als Germanenfürst Odoaker einen Gegner auf Augenhöhe.

Der aktuelle Bezug zur Gegenwart, zum Staatengebilde Europa, dem derzeit die eigenen Fliehkräfte mächtig zusetzen, springt förmlich ins Auge. Mit dem Stück habe das DT „eine Ausgrabung“ gemacht, dies sei ein Verdienst von Chefdramaturg Matthias Heid, lobt Intendant Erich Sidler im Anschluss vor Premieren-Publikum im DT-Bistro. „Wir leben ihm Moment in einer Gesellschaft, in der Angst eine Währung ist, mit der sich gut wuchern lässt“, so Sidler. Dürrenmatts Romulus handele angstfrei und bringe mit seiner Verweigerung Anarchie auf die Bühne. Für die Inszenierung gab es lang anhaltenden Applaus.

Weitere Vorstellungen stehen am Mittwoch, 27. Januar, um 20.30 Uhr sowie am 3., 10., 19. Februar um 19.45 Uhr und am 28. Februar um 18 Uhr auf dem Spielplan des Deutschen Theaters Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

Von Karola Hoffmann

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