Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 3 ° Regenschauer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Voller Wärme und Melodienseligkeit

„Roméo et Juliette“ am Staatstheater Kassel Voller Wärme und Melodienseligkeit

Das berühmteste Liebespaar des Theaters hat sich selten auf die Opernbühne getraut. 1867 vertonte Charles Gounod Shakespeares unsterbliche Geschichte von Romeo und Julia. Die geht in der Kasseler Inszenierung von Jim Lucassen sehr zu Herzen. Man sollte auf keinen Fall Taschentücher vergessen.

Voriger Artikel
Kammerkonzert mit dem New Zealand String Quartet
Nächster Artikel
Bestechender Vintage-Sound

Von links: Marc-Olivier Oetterli (Graf Capulet), Bénédicte Tauran (Juliette) und Lona Culmer-Schellbach (Gertrude).

Quelle: R

Kassel. Gounods Librettisten Jules Barbier und Michel Carré halten sich ziemlich eng an Shakespeares Vorlage. Sie geben dem Paar am Ende noch die Gelegenheit zu einem allerletzten Duett: Bevor Roméo an seinem Gifttrank stirbt, darf er noch die aus ihrem todesähnlichen Schlaf erwachende Juliette sehen und im Duett mit ihr Gott um Vergebung bitten, bevor sie sich nach seinem letzten Atemzug den Tod gibt.

Bis es zu diesem rührenden (aber nicht etwa rührseligen) Ende kommt, geschieht musikalisch so viel, dass man alte Vorurteile gegen Gounod rasch vergisst. Ja, ein bisschen seicht ist Juliettes populäres Walzerlied „Je veux vivre“ schon, doch ihre vier großen Duette mit Roméo sind in puncto Wärme, Melodienseligkeit und Subtilität der Gefühlsnuancen wahre Meisterstücke.

Bühnenbildner Marc Weeger hat ein düsteres Einheitsbild entworfen, eine Art Kirchenarchitektur mit einem Metallgerüst. Weil das Gerüst eine zweite Spielebene eine Etage höher bietet, ist es praktisch, aber reichlich nüchtern und als Spielort für die Balkonszene atmosphärisch nur bedingt geeignet. Dafür ist das blumengeschmückte Himmelbett, in dem die Liebenden nach Herzenslust miteinander kosen können, paradiesisch hübsch. Wäre da nur nicht die kurze Pyjamahose von Roméo – seine Beine muss der Held zwar wirklich nicht verstecken, aber das verleiht der Szene eine Privatheit, die nicht passt.

Überhaupt liebt der niederländische Regisseur offenbar kleine, irritierende Stilbrüche. So tragen die Familien Montaigu und Capulet teils moderne Anzüge, teils Kragen der Shakespearezeit (Kostüme: Gesine Völlm), einige von ihnen schützen Brust, Beine oder Arme mit hellglänzenden Blechpanzern.

Ohne jeden Stilbruch aber gestaltet Dirigentin Anja Bihlmaier die Musik dieser Oper. Sie zaubert im Orchester wunderschöne klangfarbliche Nuancen hervor, lässt Juliettes Walzerlied derart schwerelos schweben, dass man beim Zuhören schier die Bodenhaftung verliert. Ganz geschmeidig zeichnet sie die Partitur nach, hält dabei das groß besetzte Ensemble mit zwölf Solisten, Chor und Extrachor musikalisch perfekt zusammen.

Bénédicte Tauran als Juliette singt und spielt hinreißend, einzig in den höchsten Lagen bekommt ihr heller, unangestrengter Sopran minimale Schärfen. Für die Partie des Roméo ist Kyungho Kim mit seinem schlanken, stets durchschlagskräftigen Tenor ebenfalls eine perfekte Besetzung. Ein Stück weit fällt dagegen Marc-Olivier Oetterli als Graf Capulet ab, der nicht sehr geschmeidig, manchmal gar zu eilig singt. In den kleineren Partien des Tybalt und des Mercutio machen Tobias Hächler und Hansung Yoo darstellerisch wie musikalisch eine gute Figur. Ein Sonderlob gebührt Marta Herman mit ihrem locker und frisch gesungenen Spottlied im dritten Akt.

Das Premierenpublikum feierte das Ensemble einschließlich des von Marco Zeiser Celesti sorgfältig vorbereiteten Chores mit lang anhaltendem Beifall.

Termine: am 15. und 18. April, 12., 19. und 24. Mai, 2., 7., 17. und 30. Juni um 19.30 Uhr sowie am 23. April um 18 Uhr und am 30. April um 16 Uhr. Kartentelefon 05 61 / 10 94-222. Am Sonnabend, 22. April, sendet HR 2 ab 20.04 Uhr einen Mitschnitt der Premiere.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Händel-Talk in der GT-Townhall