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Saisonstart im Göttinger DT: Sidler inszeniert „Die Schutzbefohlenen“

„Hilfsbedürftig, aber auch bedrohlich“ Saisonstart im Göttinger DT: Sidler inszeniert „Die Schutzbefohlenen“

Ein politisches Statement hat Erich Sidler, Intendant des Deutschen Theaters (DT) Göttingen, zum Auftakt der Spielzeit 2015/16 mit seinem Team gesetzt. Er inszenierte „Die Schutzbefohlenen“ von  Elfriede Jelinek, ein Stück, das sich mit der Flüchtlingsproblematik auseinandersetzt. Premiere war am Sonnabend.

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Viel Personal: fast das komplette Schauspiel-Ensemble steht zum Start der Spielzeit auf der Bühne.

Quelle: Pauly

Göttingen. „Wir leben. Wir leben. Hauptsache, wir leben, und viel mehr ist es auch nicht als leben nach Verlassen der heiligen Heimat.“ Wie eine riesige Welle bricht Jelineks Wortwand über das Publikum herein. Ein Jelinek-Text eben. „Er fängt vorne an, hört hinten auf, und niemand hilft einem dabei“, sagte Sidler nach der Premierenvorstellung. Die Österreicherin Jelinek schreibt virtuos. Sie spielt mit Wörtern, verschachtelt kunstvoll, lässt die Sprache fließen.

Das hat Sidler in seiner Inszenierung aufgenommen, indem er viel chorisch spielen lässt. Selten stehen einzelne Schauspieler im Fokus, meist ist es die Gruppe. So etwa werden wohl die meisten Europäer die Flut der Flüchtlinge wahrnehmen, die nach Europa strömt, selten als Individuum meist als große Masse, als „hilfsbedürftig, aber auch als bedrohlich“, sagte Sidler.

Rund 100 Minuten dauert die Vorstellung, dem Text wird kaum jemand in Gänze folgen können. Aber immer wieder dringen Satzfetzen durch, fügen  sich zu ganzen Passagen, lassen Erinnerungen aufblitzen. An das, was Flüchtlinge davon berichten, was sie antreibt, an ihre gefahrvolle Odyssee bis in die brüchige Sicherheit in Europa, an ihre Wahrnehmung des Lebens hier. Oder an die Tochter des ehemaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin. Für die finanzkräftige und prominente Russin war es kein Problem, die österreichische Staatsbürgerschaft zu bekommen, als sie darum nachsuchte. Oder an den österreichischen Industrieboss Frank Stronach, der seine eigene Partei gründete. In dessen Weltbild ist kein Platz für  Empathie.

Jelinek reagierte mit ihrem Text auf die Besetzung der Votivkirche in Wien durch Flüchtlinge. Rechte und Linke in Österreich debattierten daraufhin heftig, Jelinek mischte sich schreibend ähnlich heftig ein. Ihr Stück gründet auf der Tragödie „Die Schutzflehenden“ des Griechen Aischylos.

Dort fliehen 50 Frauen, die Zwangsverheiratet werden sollen, in ein anderes Land, dessen Herrscher sie schützen sollte, dafür aber einen Krieg mit seinen Nachbarn riskiert. Und indem Jelinek aus den Schutzflehenden Schutzbefohlene macht, verdeutlicht sie schon ihre Stoßrichtung: Flüchtlinge sollten nicht um Asyl nachsuchen müssen. Es sollte eines jeden Pflicht sein, ihnen zu helfen.

Mit 23 Schauspielern hat Sidler seine Produktion besetzt, fast das ganze Ensemble ist beteiligt. Auch das sicherlich ein Statement der Geschlossenheit. Mit Unterwäsche hat Kostümbildnerin Bettina Latscha die Akteure ausgestattet, später dann hier und da mit Pelzmänteln und Abendkleidern. Treffender kann Kleidung kaum schildern. Philip Zoubek hat einen musikalischen Rahmen entworfen, der das Schauspiel fasst.

Valentí Rocamora i Torà erarbeitete mit den Schauspielern choreografische Szenen. Und diesmal kam zum Applaus auch Beleuchtungsmeister Michael Lebensieg mit auf die Bühne. Sein Team hat eine beeindruckende Lichtchoreographie für diese schwergewichtige und berührende Produktion entworfen und ausgetüftelt.

Theater muss sich einmischen in Leben und Gesellschaft. Es muss Entwicklungen aufzeigen, oft auch kommentieren, vielleicht auch, ohne Lösungen zu kennen. Insofern ist die Entscheidung Sidlers, die Spielzeit am DT mit Jelineks Flüchtlings-Werk zu eröffnen, mehr als gerechtfertigt. Das Publikum würdigte das mit lang anhaltendem Beifall und großer Begeisterung.

Weitere Vorstellungen: 30. September, 12. und 27. Oktober,  11. November sowie am 4. und 12. Dezember um 19.45 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

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