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Durchwachsene Bilanz, mäßige Performance

Satiriker Zippert liest im Alten Rathaus Durchwachsene Bilanz, mäßige Performance

Der bekannte Autor und Satiriker Hans Zippert hat am Abend des 12. Juli in Göttingen über sein bisheriges Lebenswerk referiert. Unter dem Titel „Ich bin gar nicht gut im Bett“ stellte er Auszüge seiner bisherigen Veröffentlichungen vor. Etwa 120 Besucher waren im Alten Rathaus dabei.

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Quelle: AIB

Göttingen. „Ich präsentiere Ihnen jetzt eine Leistungsschau meiner Niederlagen.“ Mit diesen Worten stellte sich Zippert vor. Die Besucher erhofften sich vermutlich viele intime Details zu den angekündigten „99 peinlichen Bekenntnissen“ aus dem Leben des Elchpreis-Jurors und zweifachen Henri-Nannen-Preisträgers. Dass sie diesbezüglich enttäuscht wurden, passt ins Versagerbild, das Zippert von sich selbst zu zeichnen versuchte. Doch selbst daran drohte er an diesem Abend mehrfach zu scheitern.

„Meine Bilanz ist durchwachsen, meine Performance mäßig“, ließ der frühere Titanic-Chefredakteur gleich zu Beginn wissen. Er bezog dies augenzwinkernd auf sein gesamtes Lebenswerk, doch in der Nachbetrachtung mag dies auch als Beschreibung für den zum Teil nur mäßig gelungenen Abend gelten. Dabei begann er vielversprechend, nämlich mit zehn Ratschlägen für junge Menschen, basierend auf 60 Jahren Zippert’scher Lebenserfahrung. Allein die Banalität dieser Ratschläge brachte die Besucher zum Schmunzeln; so mancher mag sich auch ertappt gefühlt haben. „Das Geld am Automaten niemals zählen, es stimmt nämlich immer. Das ist einfach nur verlorene Zeit“, lautete einer davon. Ein anderer: „Links gehen, rechts stehen.“ Hier könnte man beinahe den Versuch vermuten, die Menschen zu einem harmonischeren Miteinander zu bewegen.

Was dann folgte, wirkte in weiten Teilen zusammenhanglos, eher zusammengewürfelt. Der Zuhörer bekam ein „Best Of“ des bisherigen Schaffens Zipperts vorgetragen. Peinliche Bekenntnisse waren durchaus auch dabei, allerdings weniger als vielleicht erwartet. So erklärte er beispielsweise, warum er 2009 mehr oder weniger zufällig die SPD wählte, warum er in der Schule vollkommen versagt hat („In Zeiten von G8 oder G9 kann ich nur sagen: Ich war ein überzeugter Anhänger von G12.“) und wie er als Kind mehrfach am Erlernen von Musikinstrumenten gescheitert war. Und zwar zunächst anderthalb Jahre lang an der Geige, später nochmal ein knappes Jahr am Fagott („ein Folterinstrument“). Immerhin habe er es aber zu einem Panini-Sammelbildchen gebracht, und zwar im Album „Bielefeld sammelt Bielefeld“. Ja, sowas gab es wirklich mal.

Zwischen Musik-Debakel und Drogenbeichte versuchte Zippert sich ein Glas Wasser einzuschenken – und scheiterte auch daran, denn der Kronkorken fiel ungewollt mit ins Trinkgefäß. „Ungeschickter geht es nicht“, stellte er selbst fest. Doch, das geht: Als er nämlich wenig später berichtete, wie nach dem Konsum von Haschplätzchen und -törtchen („Eine gefährliche Kombination!“) 1988 der erste durchgezeichnete Titanic-Titel entstand, fiel ihm auf, dass er ebendiesen in seiner Präsentation gar nicht dabei hatte. „Das ist jetzt natürlich nicht so gut“, befand er. Da mochte man ihm zustimmen. Dass er während des Auftritts einen Anruf erhielt, den er sogleich irritiert wegdrückte, fügt sich ebenfalls harmonisch ins Gesamtbild ein.

Vor allem der erste Teil des Abends wirkte zudem recht planlos. Zippert zitierte aus längst vergriffenen Büchern, ließ mehr oder weniger unterhaltsame Videos laufen und stellte vollkommen sinnfreie Statistiken und Diagramme vor (aus seinem 2015 erschienenen Buch „Würden Sie an einer Tortengrafik teilnehmen?“). In zwei „Nachrichtenblöcken“ las er insgesamt 13 aktuelle Texte aus seiner in der Zeitung „Die Welt“ erscheinenden täglichen Kolumne „Zippert zappt“ Wort für Wort vor – eher langweilig für all diejenigen, die jene Rubrik ohnehin regelmäßig verfolgen. Immerhin: Ein Großteil des Publikums amüsierte sich dann doch sichtlich, etwa über die Vorschläge zur Umbenennung von Kasernen („Leyens Clubs“) oder die Nutzung von Trampolinsprunganlagen als Fortbewegungsmittel: „Man könnte sich wahrscheinlich hüpfend von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen bewegen, wenn die Anlagen in einem sinnvollen Abstand zueinander aufgestellt würden.“

Gegen Ende der Lesung lief Zippert dann aber doch nochmal zur Hochform auf, möglicherweise versehentlich.  So hielt er ein überzeugendes Plädoyer für ein Recht auf Fahrradfahren im betrunkenen Zustand, obwohl er – ein weiteres Bekenntnis – schon mal nach nur 50 Metern Fahrt kläglich gestürzt war. Dennoch: „Erst der Alkohol verleiht meinem Fahrstil eine gewisse Eleganz.“ Die für Fahrradfahrer derzeit geltende Promillegrenze (1,6) gehöre abgeschafft, denn sie entspreche durchschnittlich nur neun kleinen Bieren: „Wie schnell sind an einem Abend neun kleine Biere verzehrt, erst recht, wenn man stattdessen neun große bestellt?“

Auch die titelgebende Erkenntnis „Ich bin gar nicht gut im Bett“ klärte Zippert noch auf. „Das ist übrigens eher ein genetisches Problem, denn auch meine Mutter ist nicht gut im Bett.“ Es ging hier natürlich um Liegepositionen, die Deckenauswahl, das Arrangieren mit Hotelbetten und deren Tücken sowie allgemeine Schlafgewohnheiten. Mit seinem „Bildungskanon“ entließ Zippert die Besucher in die Nacht – und gab ihnen dabei noch so manche Weisheit mit auf den Weg. Die schon zuvor erwartete Sexualität kam hier auch noch vor, denn: „Der Penis ist keineswegs der Mercedes unter den Fortpflanzungsorganen, sondern der Opel Corsa.“ Auch wichtig: „In einem Raumschiff kann man nicht einfach aus dem Fenster pinkeln.“ Und: „Buchstabensuppe hilft nicht Legasthenikern, sondern nur der Buchstabensuppenindustrie.“ Vielleicht aber noch wichtiger: „An Jesus kommt keiner vorbei. Außer Libuda.“

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