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Die Welt in einer Discokugel

"Saturday Night Fever" Die Welt in einer Discokugel

Partystimmung herrschte im Publikum, als am Freitagabend die letzten Takte von "Saturday Night Fever" erklangen. Die Premierengäste hatten Spaß an dem Musical mit vielen bekannten Bee-Gees-Songs. Dabei erzählt das Stück auch von der dunklen Seite der Discokugel.

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Bad Gandersheim. Tony Manero lebt in zwei Welten: Nachts im "Odyssee 2001" ist er der Star der Tanzfläche, der Held in Schlaghosen, der Mann, dem die Frauen die Absatzstiefeletten küssen. Tagsüber verkauft er Farben, zofft sich mit dem arbeitslosen Vater, der ihn für einen nutzlosen Rumtreiber hält, und ärgert sich über die bigotte Mutter, die den Bruder in gottgleichen Status erhebt - weil er Priester ist. 

Das Bühnenbild zu "Saturday Night Fever", das am Freitag während der Gandersheimer Domfestspiele erstmals gezeigt wurde, nimmt die Lage, in der sich der Protagonist befindet, symbolhaft auf: Eine überdimensionale Discokugel steht im Zentrum. Eine Hälfte ist Glitzer und Glamour, die andere bröckelnder Spiegel, Dreck und Staub. Der Held steht für eine gespaltene Generation Jugendlicher in den 1970er-Jahren in den USA. Partys, Sex, Drogen, grelle Farben und funky Sounds stehen im Gegensatz zu den gesellschaftlichen und politischen Problemen, die teils aus den Vorjahren resultieren: vom Vietnamkrieg bis zu den Morden an John F. Kennedy und Martin Luther King über die Arbeitslosigkeit bis hin zur Inflation und Rassismus.

Akrobatische Tanzszenen und nackte Haut

Lucas Baier gibt den frisurverliebten Gigolo Tony mit vollem Körpereinsatz, nicht nur während der teils akrobatischen Tanzszenen, die in der legendären Wettbewerbs-Szene im weißen Anzug gipfeln: Als zu Beginn des Stücks die Kleider fallen - nicht nur einmal gibt es nackte Haut zu sehen - johlen weibliche Premierengäste. Und er gibt den zukunftspessimistischen jungen Mann, der um Anerkennung ringt und sich fragt, ob er ein Versager ist: "Weißt Du, wie oft mit jemand gesagt hat, dass ich gut bin?", fragt er den Vater, und fügt resigniert hinzu: "Zwei Mal." Im Elternhaus nie.

Auch Tonys Freunde haben mit Problemen zu kämpfen: Bobby C (Stephan Luethy) sucht verzweifelt nach einem Ausweg, nachdem er ein Mädchen, das er nicht heiraten will, geschwängert hat. Double J (Denis M. Rudisch) und Joey (Philipp Nowicki) sind keinen Deut besser dran, suchen Anerkennung in schnellem Sex und Streitereien mit verfeindeten Gangs. Allerdings bekommen sie die Kurve, während sich Bobby C eines nachts körperlich in den Abrund stürzt, in dem sich seine Seele längst befunden hatte.

"Tragedy" beeindruckend intoniert

Alle Darsteller stechen gesanglich mit den Stücken besonders hervor, in denen sie ihrem Frust eine Stimme geben. Den eindrucksvollsten Auftritt hat Luethy mit "Tragedy", das er stark intoniert und mit viel Verzweiflung in der Stimme vorträgt. Ähnlich verhält es sich bei Felicitas Heyerick und Julia Lißel als Annette beziehungsweise Stephanie Mangano. Sie spielen die Frauen in Tonys Leben. Beide schwanken zwischen "anständigem Mädchen und Schlampe", wie Tony sagt. Der Unterschied besteht im Wer-will-wen: Annette buhlt um Tonys Liebe, die ältere Stephanie lässt ihn abblitzen für einen windigen Produzenten, der die Schreibkraft mit dem Glamour Manhattans vertraut macht - und schließlich sitzen lässt. Es braucht bist zum Schluss des Stückes, bis Tony begreift, dass Frauen auch Freunde sein können.

Afro-Look und "Pornobalken"

Gesanglich wie schauspielerisch der heimliche Star des Stücks ist Fehmi Göklü als Monty. Nicht nur wegen des imposanten Afro-Looks auf seinem Kopf, den wildesten Glitzer-Anzügen, der größten Fliegerbrille und einem Schnurrbart, der den Begriff "Pornobalken" mit Fug und Recht verdient, sticht er heraus. Er mimt den durchgeknallten DJ, als putze der sich die Zähne mit Gute-Laune-Pillen: Grell, laut und in Sprechparts immer nah am Ansager in der Achterbahn. Großartig.

Begleitet werden die Darsteller von einer Live-Band, die handwerklich sauber und atmosphärisch dicht den Soundtrack der Generation Fragezeichen in die Welt der erwachsenen Zuschauer des Musicals hebt: Synthetische Disco-Sounds werden mit natürlichen Instrumenten so geglättet, dass die Musik nicht droht, in den Kitsch abzudriften. Auch auf den teils anstrengenden Falsett-Gesang der Bee-Gees-Originale wird verzichtet. In die Kitschkiste greifen die Musiker nur zum Abschluss mit "How deep is your Love". Das muss triefen und tut es auch. Ob die Versöhnung von Stephanie und Tony allerdings auch für die Aussöhnung der Jugend mit der Zukunft steht, bleibt offen. 

Das Publikum jedenfalls verlässt die Tribüne nach der Vorstellung mehr als versöhnt - und erst nach Knicklicht-Schwenken, viel Applaus im Stehen und "Zugabe"-Rufen.

Weitere Vorstellungen

"Saturday Night Fever", bei dem Regie und Choreografie bei Marc Bollmeyer liegen, wird wieder am 27. und 30. Juni, jeweils um 20 Uhr, gezeigt. Weitere Vorstellungen am Abend (jeweils um 20 Uhr) sind für den 5., 6., 11., 14., 15., 18., 21. und 26. Juli geplant. Nachmittagsvorstellungen gibt es am 1., 8, 16. und 29. Juli. Um 19 Uhr steht das Stück auf der Freilichtbühne vor dem Dom am 28. Juli an. Für die Veranstaltungen sind nur noch wenige Karten verfügbar. Sie sind unter anderem in den Geschäftsstellen des Eichsfelder und Göttinger Tageblatts, Marktstraße 9 in Duderstadt, und Weender Straße 44 in Göttingen, erhältlich. Dort sind auch Karten für die weiteren Veranstaltungen während der 59. Gandersheimer Domfestspiele zu bekommen. Weitere Infos: domfestspiele-gandersheim.de.

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