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Scheitern am Scheitern am Scheitern

Nis-Momme Stockmanns Haarmann-Musical „Amerikanisches Detektivinstitut Lasso“ am Schauspielhaus Scheitern am Scheitern am Scheitern

Ein Theater, das in der Stadt eine wichtige Rolle spielen möchte, muss seine Themen auch jenseits der Bühne zu inszenieren wissen. Das Schauspiel Hannover hat es darin in den vergangenen Wochen zu einer gewissen Meisterschaft gebracht.

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Haarmann ermordete in den 20er Jahren in Hannover 24 junge Männer und versenkte die zerstückelten Leichen in der Leine.

Quelle: Archiv

Hannover. Klug getaktet gab es immer wieder Verlautbarungen über das nächste große Projekt des Hauses, das große Musical über den Massenmörder Fritz Haarmann. Und immer gab es Berichte. Und Nachfragen, ob das denn wirklich sein müsse, dass Haarmann singt und tanzt. Und ob ausgerechnet ein Musical die angemessene Form für den künstlerischen Umgang mit einem Serienmörder ist. Nun war die Uraufführung von „Amerikanisches Detektivinstitut Lasso“ (der Titel erinnert an Haarmanns Visitenkarten, das Detektivinstitut hat er als Arbeitgeber angegeben) - und man fragt sich: Wozu eigentlich der ganze Rummel?

Im Zentrum steht nicht der Mörder Fritz Haarmann, sondern der Schriftsteller Stockmann. Der diskutiert lange, sehr lange, mit sich selbst, mit seinem Lektor und mit dem Intendanten, ob und wie man ein Stück über Haarmann schreiben kann. Es geht nicht um Haarmann, es geht ums Theater. Warum man das überhaupt macht. Was man eigentlich sagen kann. Ob man „denen da draußen“ überhaupt etwas mitteilen kann, das die nicht schon wissen. Es wird viel diskutiert.

Die Kritik an diesem recht selbstreferentiellen Vorgang liefert Stockmann gleich mit. „Ich kann Ihnen sagen: Ich bin gescheitert. An dem Musical zu Fritz Haarmann bin ich gescheitert. An dem Musical zum Scheitern am Musical zu Fritz Haarmann bin ich auch gescheitert.“ Der Intendant, der in dem Stück (wie auch der Dichter) gleich mehrfach auftaucht, sagt dem Dichter: „Deine Kulturkritik ist konstant davon bedroht, eine selbstreferentielle Nabelschau zu werden, in der du dich mit nichts weiter auseinandersetzt als mit dir selbst. Und (...) das ist jetzt wirklich nicht für jedermann interessant.“

Bei diesen Worten gab es Szenenapplaus im Schauspielhaus. Kein gutes Zeichen.Stockmann interessiert sich für Stockmann. Das ist sein gutes Recht. Und das passt auch auf die große Bühne - wenn ein gewitzter Regisseur wie Lars-Ole Walburg die Sache in die Hand nimmt und mit hoch- und herunterfahrenden Podesten, mit Flugmaschinen, Bühnennebel und einem Flittervorhang für visuelle Reize sorgt.

Aber ein Musical braucht mehr als nur Augenfutter. Es braucht mehr Emotionen als die Sorge eines Schriftstellers um seine Karriere oder das Leiden eines Theatermachers an den Sachzwängen. Es braucht mehr als die dünne These, dass im Theater auch mal bisher Ungehörtes formuliert werden soll.

Und es braucht ein paar gute Songs. Die liefern Les Trucs nicht. Die Elektro-Sounds, die die beiden Musiker beisteuern, klingen wie eine ganz harmlose Mischung von Kurt Weill und Abba, angerührt in den späten Achtzigern.

Die Schauspieler sprechen oft im Chor. Es sind immer viele Personen, die eine Figur spielen. Der unsicher wirkende junge Mann, als der der Schriftsteller hier auftritt, wird meist von den Damen, der robustere Intendant von den Herren gespielt. Bedient das Theater dumpf Geschlechterklischees? Man müsste vielleicht mal ein Musical darüber schreiben. Oder besser doch nicht.

Weitere Vorstellungen am 20. und 24. Februar sowie am 1., 5. und 17. März. Kartentelefon: 05 11/99 99 11 11.

Von Ronald Meyer-Arlt

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