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Schillers Drama „Die Räuber“ in der Inszenierung von Andreas Döring

Junges Theater Göttingen Schillers Drama „Die Räuber“ in der Inszenierung von Andreas Döring

Zu Schuljahresbeginn wird das kleine gelbe Heft wieder stapelweise verkauft. Schillers Drama „Die Räuber“ ist seit Generationen Lieblingslehrstoff der Deutschlehrer, die von ihren Schülern Charakterbilder, Entwicklungslinien und Personenkonstellationen in diesem Stück darstellen lassen. Häufig genug gerät über diesen Aufgaben die Kühnheit dieses Stückes außer Sicht, sein radikaler gesellschaftskritischer Ansatz, der in die Katastrophe mündet.

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Unheilvoll ineinander verstrickt: Franz (Pascal Goffin), Amalia (Henrike Richters), Karl (Dirk Böther) und Spiegelberg (Thomas Hof) in Schillers Drama „Die Räuber“.

Quelle: Eulig

Andreas Döring, regieerprobter Intendant des Jungen Theaters, hat sich in einer der schlimmsten äußeren Krisen dieses Hauses – deren Abwendung aber inzwischen möglich erscheint – zur Spielzeiteröffnung dieses Stückes angenommen. Er wollte, wie er kürzlich im Tageblatt-Interview gesagt hat, das Stück „heutig inszenieren“ und dabei „ganz nah an den Kern“ herangehen.
Das hat er sehr konsequent getan. Vater Moor ist in Dörings Inszenierung Chef eines Familienunternehmens, Sohn Karl hat sich verspekuliert – Döring rechnet Schillers 40000 Dukaten in vier Millionen Euro um –, und Franz, die Kanaille, bugsiert sich mithilfe von manipulierten Medien-Informationen selbst an die Firmenspitze.

Das ist in der Tat Schiller nicht beim Wort, aber beim Sinn genommen. Wenn nur das Wort nicht wäre: Dörings Ansatz geht streckenweise im Schillerschen Text unter, der ja auch gar nicht einfach zu sprechen ist. Gewiss, der äußere Rahmen (Bühne: Axel Theune) mit gängiger Büroausstattung, Laptop, Handy und drehbarem Regal, hinter dem man – ähnlich wie damals Hanns Martin Schleyer in seiner Entführer-Zelle – in einem Geheimraum den nicht sterben wollenden Vater einsperrt, verweist sehr deutlich auf unsere Gegenwart. Aber Schillers von heiligem Eifer geschürtes Pathos zerbricht meist an der Konfrontation mit dem Heute. Nur stellenweise entwickelt es ein gewinnbringend verstörendes Eigenleben.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass das Ensemble Schwierigkeiten mit Schillers Worten erkennen lässt. Dirk Böther als überzeugend dominanter Karl trifft zwar den Ton genau, legt aber mitunter ein Tempo und eine Lautstärke vor, dass die Verständlichkeit des Textes arg darunter leidet. Bei Pascal Goffin (Franz) gibt es eine mittlere Stimmlage, in der man ihm gern folgt. Doch wenn er versucht, einen weinerlichen Ton anzuschlagen, gerät es ihm leicht ins Lächerliche. Und Schrei-Ausbrüche sind nur laut, aber nicht nachhaltig bewegend.

Stimmiger legen da Henrike Richters als konsequent liebende Amalia und Thomas Hof als Spiegelberg ihre Parts an. Agnes Giese als Frau Moor wirkt bemerkenswert kühl bis befremdend unbeteiligt.
Das Premierenpublikum im vollbesetzten Hause bedankte sich mit nicht eben tosendem, aber lang anhaltendem Applaus. Und draußen hörte man immer wieder Sätze wie: „Na ja, ein bisschen schwierig ist das schon.“

Nächste Termine: 4., 7., 10., 17., 21., 24. September, 5. Oktober, jeweils um 20 Uhr. Karten unter Telefon 05 51 / 49 50 15. Termine für Schulen können unter Telefon 05 51 / 49­50­165 erfragt werden.

Von Michael Schäfer

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