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Schluchten der bangen Seele

„Schwarze Romantik“ in Frankfurt Schluchten der bangen Seele

Die Schlaflage ist ungünstig. Kopf und Arme hängen schlaff über den Bettrand. Der ganze Körper erscheint konvulsivisch verzückt. Ein Alb sitzt auf der Brust der Träumerin und drückt.

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Skandalbild mit Lustgaul: Füsslis „Nachtmahr“ von 1782.

Quelle: EF

Angeritten kam der haarige Dämon mit dem Nachtmahr: einer lüstern schnaubenden Mähre mit weiß leuchtenden Augen und wirrer Mähne. Den tierischen Kopf reckt das geile Geisterross durch einen negligézarten Vorhang wie durch eine vaginale Öffnung.
Das Skandalbild der Londoner Kunstsaison von 1782, Johann Heinrich Füsslis „Nachtmahr“, gilt als Sinnbild der wollüstig-schaurigen Romantik. In seiner Fassung von 1791, die sich in Frankfurt befindet, bildet das Bild den Auftakt der großen und großartigen romantischen Tiefenbohrung, mit der das Städel Museum in den Herbst startet.

Der einst in London gefeierte „wilde Schweizer“ Füssli lieferte das Vorspiel der schwarzen Romantik. Der Maler äße vor dem Schlafengehen blutiges Fleisch und konsumiere Drogen, wurde in London gemunkelt. Menschen mit labiler Konstitution wurde vom Anblick von Füsslis Albtraumbildern abgeraten, die freilich die Schaulust fütterten.

Die Schau „Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst“ ist mit mehr als 200 Werken die erste umfassende Ausstellung zur dunklen Romantik in einem deutschen Museum. Zum ersten Mal auch werden hier Symbolisten wie Odilon Redon oder James Ensor und Surrealisten wie Salvador Dalí oder Max Ernst großzügig zu den Romantikern gerechnet.

Die Stimme des Opfers von Frankenstein aus der berühmten Verfilmung von James Whale von 1931 schrillt durch die Räume mit Malerei und Plastik des 18. und 19. Jahrhunderts. Boris Karloff als Monster ähnelt erstaunlich einer Figur aus einem Goya-Blatt mit dem Titel „Los Chinchillas“.

Viele Schlüsselwerke sind in der stellenweise aufs Gemüt drückenden Ausstellung zusammengekommen, darunter Francisco de Goyas „Flug der Hexen“ aus dem Madrider Prado. Vom Musée d’Orsay in Paris kommt das Odilon-Redon-Hauptwerk „Geschlossene Augen“.

Mit geschlossenen Augen erhebt sich eine junge Frau felsenartig über einem See. Es herrscht gespenstische Stille. Drückende Stille kennzeichnet Caspar-David-Friedrich-Werke genauso wie Bilder der Symbolisten und Surrealisten und ist so etwas wie der atmosphärische Grundton der Romantik mit ihrer Beschwörung von Melancholie und Grabesruhe. Daneben trifft man aber auch auf nervöse Überspanntheit.

Schreckstarre bringt Goya mit seinen Kriegsbildern hervor. 1808, als Napoleons Truppen in Spanien einfielen, wurde der Maler Augenzeuge von Gräueln. „Ich fürchte keine Kreatur außer einer: den Menschen“, hat Goya gesagt. Dem großen Spanier ist in Frankfurt ein Raum gewidmet, danach kommen französische und belgische Romantiker und schließlich die Deutschen. Carl Blechen wird in der Ausstellung dabei mit Caspar David Friedrich konfrontiert.

Moder, Morast und Melancholie: Um 1800 wühlte sich eine jüngere Künstlergeneration in bewusster Abgrenzung zur aufklärerischen Lichtbeschwörung und erschreckt von der unmenschlich entgleisten Französischen Revolution in die Nachtseiten des Daseins.

Hundert Jahre nach den ersten romantischen Aufbrüchen macht Sigmund Freud das Unheimliche, das er als „Wiederkehr des Verdrängten“ ansieht, zum Gegenstand seiner Forschungen – und inspiriert Künstler. Bei Max Ernsts „Frottagen“, abgepausten Strukturen, wird das Malen selbst zum unbewussten Prozess, zum Automatismus. Mit den alten teilt der neue Romantiker Ernst die Sehnsucht nach dem Waldesdickicht mit seinen Schatten.

Das ehrgeizige Ausstellungsprojekt steht im Kontext von Bemühungen, die nüchterne Bankenmetropole Frankfurt als Romantikzentrum zu etablieren. Erst kürzlich wurde der Weg für ein Romantikmuseum geebnet, das neben dem Goethe-Museum gebaut und 16 Millionen Euro kosten soll.

Bis 20. Januar im Städel Frankfurt; vom 4. März bis 9. Juni im Musée d‘Orsay in Paris.

Von Johanna Di Blasi

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