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„Schöne Welt, wo bist Du?“

Liederabend „Schöne Welt, wo bist Du?“

Hoher Besuch in Göttingen. Zum fünften Konzert der Spätromantik-Saison der Göttinger Kammermusikgesellschaft konzertierten Julia Kleiter (Sopran) und Michael Gees (Klavier) in der Aula der Universität und präsentierten einen sensibel konzipierten Liederabend, der etliche Höhepunkte aufwies.

Zu genießen gab es eine bunte Zusammenstellung (Spät-)romantisches – so zumindest wirkte das Programm auf den ersten Blick. Doch Kleiter und Gees bewiesen feines Gespür für musikalisch-programmatische Konzeption und stellten den üblichen Strauss und Schubert Komponisten an die Seite, die bereits kräftig an der abendländischen Tonalität zu rütteln begannen. Die Weltsicht des „Fin de siècle“ war durch die „Sieben frühe Lieder“ Alban Bergs oft zu spüren, was wohl beabsichtigt gewesen sein mag.

Eine Zeile aus Schuberts „Die Götter Griechenlands“ schenkte dem Programm seinen Titel: „Schöne Welt, wo bist Du?“, fragt skeptisch und sehnsüchtig zugleich nach dem Paradies, das angesichts des weltpolitischen Geschehens und der desaströsen Umweltkatastrophe in Japan wieder einmal verloren zu sein scheint. Nun passt die Frage nach dem Paradies durch ihre elegische Verklärtheit gut in das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert, doch es braucht schon versierte und authentische Künstler, um dieses Gefühl auch mehr als hundert Jahre später glaubwürdig zu verkörpern.

Gut, dass man bei Kleiter und Gees nicht weiß, wen man zuerst loben soll. Fangen wir bei der Sopranistin an, aber nicht, weil sie Sopranistin ist, sondern die Dame des Duos. Die Limburgerin, die an den wichtigsten Spielstätten Europas große Erfolge als Opernsängerin verbuchen durfte, überzeugte durch ihre Fähigkeit, authentische Emotionen stimmlich mühelos erklingen zu lassen. Schon beim Auftakt mit Richard Strauss’ „Waldseligkeit“ überzeugte sie mit sanft klagendem, aber versöhnlichem Gestus, der durch ihr souveränes Verständnis für Dynamik zum Schwingen gebracht wurde. Das ist nun das Stichwort für Michael Gees, diesen herrlich unkonventionellen, aber technisch brillanten Pianisten, der alles was er spielt zum Charakterstück werden lässt. Er begleitete auf Augenhöhe, mit tiefem Verständnis für feinste Lautstärkenuancierungen und zeigte bei seiner Improvisation über Hermann Hesses „Sternklare Nacht“ ein kristallklares Ostinato, das irgendwie doch keines war und kraft seiner Synkopierung auch von Keith Jarrett hätte stammen können. Man kann vieles über diesen außergewöhnlichen Abend sagen, aber eines steht fest: So schön klang die Suche nach dem Paradies selten.

Von Jonas Rohde

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