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Schriftsteller Ulrich Holbein zu Gast in Göttingen

Literarisches Zentrum Schriftsteller Ulrich Holbein zu Gast in Göttingen

Ökodandy, Vergebenheitsmystiker, Müslimüslikus, Narrenkundler nennt die Moralphilosophin und  Moderatorin des Abends, Michaela Rehm, den Essayisten und Schriftsteller Ulrich Holbein. Er hat im Literarischen Zentrum Göttingen aus seinem Buch „Narratorium“ gelesen, in dem er 255 Narren  porträtiert. Narren wie du und ich. 

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Narrenkundler und Vergebenheitsmystiker: Ulrich Holbein scherzt im Zentrum.

Quelle: Mischke

In ganz postmodernem Gestus größter Bestimmungslosigkeit hat Ulrich Holbein seine Narren von Baal über Pippi Langstrumpf, Rilke und Uriella bis zu Xerxes und Zipruanna auf 1008 Seiten in 255 „Pillenromanen“ – anekdotenhaften Lebensläufen von der Geburt bis zur letzten Krankheit – erzählt. Extrahiert sind diese aus 777 Biografien. Ein wenig wie im Fachlexikon, gleichzeitig wie im collagierten Bilderbogen ersteht eine schräg gebürstete  Vorstellung von vergessenen, nicht recht gewürdigten und höchst präsenten Personen – Heilige und Normalbürger, „deren Leben etwas interessanter ist als meines“, so der vielfach augezeichnete Autor.

Seine „ungeheuer pflegeleichte Gesamtpersönlichkeit“ steckt in grünem Hemd, lila Weste mit Stickereien und unter rotem Samthut. Man könnte den Mann unmittelbar für einen unweigerlichen Esoteriker halten, wäre dort über dem zauseligen Bart und unter den wilden langen Haaren nicht der wache Blick und vor allem das vorausahnende, gebildete wie überaus zersetzende kluge Sprechen. 

Bigotte Hirnlose

An in blitzenden Zahnreihen lächelnde Tomaten reihen sich bigotte Hirnlose, Witwenverbrennungen und  göttliche Phantomschmerzen, an Hokuspokus aus Fausts Sudelküche Beuyssche Ideen und an polygame Götter Beischlafdiebstahl, Flaschenpost und Kippenbergers gekreuzigter Frosch – mit Bierglas in Südtirol. 

Das Narrenschiff, auf das man sich mit dieser Lesung begibt, schaukelt nicht übel, als es den Hafen verlässt, eine Moral oder differenzierte Grenzziehungen lassen sich hier nicht finden – gut und gefährlich, vielleicht. Die Narretei, so Holbein, sei „unabhängig vom kulturellen Hintergrund.“ Und dennoch, so muss er zugeben, geben die religiös Motivierten einfach die besseren, interessanteren – weil abseitigeren und meist in Leidenschaftlichkeit angebundenen Geschichten her. Er richtet nicht und fügt mit Blick auf Rehm hinzu: „Nichts gegen Ethik, aber ich höre lieber Mozart.“ Wenn die Welt Kurs auf  Narragonien nimmt, ist alles erlaubt. Das Narratorium kann schon vorher bestehen und unterhält sehr gut.

Von Tina Lüers

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