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Schriftsteller Uwe Tellkamp stellt seinen Roman „Der Turm“ vor

Lesung Schriftsteller Uwe Tellkamp stellt seinen Roman „Der Turm“ vor

„Unterm Strich ist der Erfolg des Buches für mich immer noch ein Wunder“, sagt Uwe Tellkamp. Der Autor hat aus seinem Buch „Der Turm“ gelesen, das 2008 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Thema, auch im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Insa Wilke, waren die letzten Jahre des „versunkenen Landes“ DDR.

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Uwe Tellkamp: bei der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt.

Quelle: ap

Von dieser Sozialutopie, diesem Utopia hätte Thomas Morus nur geträumt“, meint Uwe Tellkamp zur DDR – fast zwanzig Jahre nach der Wende. Auf Einladung des Literarischen Zentrums Göttingen ist er zu Gast in der Aula der Universität. Er ruft das Motiv der versunkenen Insel Vineta, des verschwundenen Utopias, eines „tropischen Landes“, auf, dessen Abgeschlossenheit einzigartig sei und nur „durch die Erdölleitung Freundschaft überhaupt lebensfähig war“. Tellkamp ist bar jeder Wehmut. Im Gegensatz zur sachten, sanften Stimme ohne größere Höhen, mit der er liest und spricht, redet er sich in Rage. Die melancholisch-elegische Retrospektive verabscheut er zutiefst: „Die ganze Ostalgie und wie schön das war dort, hängt mir zum Halse heraus!“ Die vermisste und wieder herbei gewünschte „Wärme“ und das Miteinander habe es ebenso in der Nazizeit gegeben, es sei „eine Notwärme“ allein. 

Der 1968 geborene Autor nennt den Blick zurück den Gang durch die Dornröschenhecke – „beim Schreiben müsse man sich hindurchkämpfen“ und dringe wieder ein. In den Elbhang-Villen Tellkamps lebt die Art von Intellektuellen, die „Bücher schreibt und weiß, wie man eine Schneekette besorgt“ – „eine Welt, die dem altbundesdeutschen Gelehrtenfeuilleton eher unbekannt ist.“

Insa Wilke, die in ihrer Einführung anmerkt, wie bei Tellkamp „Sinnlichkeit durch das Verschwenderische der Sprache entsteht“, wird unmittelbar bestätigt, Beschreibungen wie „in das Buchengeäst wie in eine große Koralle gewebt“, „großflüglige schwermütige Nachmotten“, „die Rosen aus dem Mantel wickeln“  oder „messinggefleckter Schlüssel im Tausendaugenhaus“ lassen in der Aula am Wilhelmsplatz die  bilderreiche Welt einer weit verzweigten Geschichte erstehen. Episch breitet sich das enzyklopädische Panorama einer vergangenen Zeit mit den Mitteln des Realismus des 19. Jahrhunderts aus. 

Motivische Kleinarbeit

„Jeder macht sich sein Bild.“  Die motivische Kleinarbeit ist ein Tribut an die Utopie, die sich in Innenräumen spiegelt: Die Kategorie Haus sei für visionäre Ideen wichtig, „irgendwo muss das neue Leben  ja stattfinden“, so der Autor. Die Fragen: „Wie sollen wir leben? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir?“ sind grundlegend für sein Schreiben und weisen es zugleich als politisch aus. 

„Ich bin kein DDR-Autor“, bestimmt der Chirurg, der diesen Beruf mit dem Bachmann-Preis 2004 an den Nagel hängte und nun der Meinung ist, die unterschiedliche Sozialisation in beiden Staaten bemerke man schon: „Die Themen der jüngeren Kollegen aus dem Westen kreisen viel ums eigene Ich.“ Er habe das Wendethema, die Endzeit, für die Literatur, für die Sprache zurückgewinnen wollen, den visuellen Medien abtrotzen. Das gelingt an diesem Abend unbedingt: Ausführlich, überlegt und doch ohne Umschweife gibt Tellkamp Antwort und Auskunft, ein gutes Gespräch. 

Uwe Tellkamp: „Der Turm“, Suhrkamp 2008, 973 Seiten, 24,80 Euro.

Von Tina Lüers

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