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Schriftstellerin Nora Bossong besucht Göttingen

Hainberg-Gymnasium Schriftstellerin Nora Bossong besucht Göttingen

Junge Männer mit Krawatte eilen in der Stadt an ihr vorbei. „Ist das noch das linke Göttingen, in dem ich 2001 Abitur gemacht habe oder bin ich auf einen FDP-Parteitag geraten?“, spottete die Berliner Schriftstellerin Nora Bossong am Mittwochabend im Hainberg-Gymnasium. In ihrer alten Schule las sie aus ihrem Roman „36,9°C“.

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Nora Bossang im Hainberg-Gymnasium.

Quelle: Wenzel

Göttingen. Mit 17 Jahren ist die gebürtige Bremerin mit der Familie nach Göttingen gezogen. An hanseatische Kühle gewöhnt, so erzählt sie es dem Tageblatt, erschienen ihr die Menschen „sehr herzlich“. Sie sei aufs Hainberg-Gymnasium gegangen, weil dort Spanisch unterrichtet wurde. Gewohnt habe sie in der Nähe des Kinos Lumiere, von dem sie noch heute schwärmt.

Keine Grenzen mehr

Bossong wurde im linken Milieu Bremens groß, um das es in ihrem Roman geht. Hart teilt sie dort gegen eine Mutter aus, die die Revolution mehr liebt als den eigenen Sohn. Bossong geht in dem Buch zur „sexuellen Revolution“ der 68er auf Distanz, die ihr „lustfeindlich und verklemmt“ erscheint, wie es Moderator Michael Angele formulierte. Den Kindern seien keine Grenzen mehr aufgezeigt worden. Ratlos fragt Bossong: „Was tun nach der Orgie?“ Sie geißelt die Verbürgerlichung der marxistischen Elterngeneration, die ihre Wohnungen mit Perserteppichen schmückten.

Die 34-Jährige geht aber auch mit ihrer Generation ins Gericht, der Visionen abhanden gekommen sein. Nach den Verirrungen des 20. Jahrhunderts erschienen den meisten Utopien suspekt. Sie ermuntert die Schüler im Publikum, Verantwortung zu übernehmen. Sie grenzt sich von ihrem Romanhelden ab, dem Sohn jener kalten, dominanten Revolutionärin. Er laste immer anderen die Schuld für sein Scheitern an, erläutert Bossong.

Liebe - die Rettung

Die Schriftstellerin, die heute in Berlin lebt, bekennt sich zu dem Kommunisten und Philosophen Antonio Gramsci, der unter den italienischen Faschisten zehn Jahre im Gefängnis verbrachte. Gramsci, dem zweiten großen Protagonisten des Romans, sei es um Emanzipation gegangen, um das Hinauswachsen über die Familie und das eigene Milieu. Er habe erkannt, dass sich die Menschheit nicht ohne Liebe retten lasse.

Schulleiter Georg Bartelt, der Bossong einst in Politik unterrichtet hat, zeigte sich vor 130 Zuhörern, begeistert. Er lobte Bossongs „präzise Beobachtungen“ und ihre Ausdrucksfähigkeit. Die Autorin kam bereits 2010 für eine Lesung in ihre alte Schule, die derzeit ihr 150-jähriges Bestehen feiert.

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