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Schülerlesetage in Göttingen: Sabine Ludwig stellt „Schwarze Häuser“ vor

Ausgeliefert und schikaniert Schülerlesetage in Göttingen: Sabine Ludwig stellt „Schwarze Häuser“ vor

Sie bekamen ein Schild um den Hals, wurden in den Zug gesetzt und „verschickt“: Kinder in den 1950er und 1960er Jahren, die für Kuraufenthalte in Heime vorzugsweise an der Nordsee kamen. Sechs Wochen lang sollten die Kinder sich erholen, anständig essen, zunehmen und gestärkt zurückkehren. Die Wirklichkeit sah oft anders aus. Sabine Ludwig hat darüber das Jugendbuch „Schwarze Häuser“ geschrieben. Bei den Göttinger Schülerlesetagen hat sie es in der Buchhandlung Hugendubel vorgestellt.

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Sabine Ludwig: Alles so erlebt.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Die vier Mädchen Ulli, Fritze, Freya und Anneliese leiden gemeinsam unter Heimweh, einer fiesen Heimleiterin und dem „Drachen“, ihrer Erzieherin. Morgens gibt es übelriechende Milchsuppe mit Sagoklumpen. Das Essen ist überhaupt eklig und vor allem gibt es immer zu wenig. Wer nicht spurt, wird mit Essensentzug bestraft. Wer sich beschwert, der fühlt die Hand der Erzieherin auf der Wange, wer vergisst, sich zu kämmen, dem werden einfach die Haare abgeschnitten. Die Mädchen stehen sich bei und versuchen sich zu wehren. Sie erleben aber auch Abenteuer und Spaß.

Ludwig liest ihren Text mit viel Leidenschaft, den jungen Zuhörern gefällt die Geschichte. Für sie ist das eine Internatsgeschichte so wie „Hanni und Nanni“. Den anwesenden Älteren aber bleibt das Lachen im Halse stecken. Viele waren wie die Autorin selbst „verschickt“ und haben unter Schikanen und Grausamkeiten der Erzieher gelitten.

„Ich habe das alles selbst erlebt“, erzählt Ludwig, Jahrgang 1954. In jedem der Mädchen stecke ein Teil von ihr. Als ihr Buch veröffentlicht wurde, brach eine wahre Flut von Mails und Briefen Betroffener über sie herein. „Sie müssen in meinem Heim gewesen sein“, hätten viele geschrieben. Die Erinnerung an das Gefühl des Ausgeliefertseins bewegt viele immer noch. Mit ihren Eltern, so erzählt Ludwig, hatte sie vereinbart, dass sie in den Briefen (die von der Heimleitung gelesen wurden) Häuser mit Buntstiften malt, wenn es ihr gut, schwarze Häuser, wenn es ihr schlecht geht. „Ich habe sechs Wochen lang nur Briefe mit schwarzen Häusern geschrieben.“ Ihre Eltern hätten zwar beruhigende Briefe zurückgeschrieben, aber sie nicht abgeholt oder mit der Heimleitung gesprochen. „So was tat man damals nicht!“

Sabine Ludwig, Schwarze Häuser, Dressler Verlag, 352 Seiten, 14,99 Euro.

Am Freitag, 24. April, werden bei den Schülerlesetagen die Gewinner des Schreibwettbewerbs ausgezeichnet. Die Schüler tragen Teile ihrer Texte vor. Beginn ist um 18 Uhr im Goethe-Institut.

Von Christiane Böhm

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