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Selbstbestimmt leben und lieben

„bread and roses“ Selbstbestimmt leben und lieben

Zum 100. Internationalen Frauentag haben Luise Rist und Nina de la Chevallerie vom Göttinger „boat people projekt“ mit „bread and roses“ einen „szenischen Spaziergang“ inszeniert, der das Publikum mit fünf höchst unterschiedlichen, aber in jedem Fall faszinierenden Frauen bekannt machte.

Was die fünf Monologe, die inhaltlich unverbunden, aber thematisch eng verwoben waren, zu einer Besonderheit machte, ist gleich mehreren Aspekten zu verdanken: Zunächst wählten Rist und de la Chevallerie für die unterschiedlichen Teile drei Orte, die sich eng an unsere Alltagswelt orientieren. So konnten sie die Grenzen zwischen einstudierter Darbietung und persönlicher Erzählung, sowie zwischen Schauspieler und Zuschauer nivellieren. Eine Leistung, die auch maßgeblich der Fähigkeit aller Darstellerinnen zu verdanken ist, in ihrem Spiel Natürlichkeit und Nähe zu erzeugen.

Anusch Gazarova eröffnete den Abend in einem weißen Hochzeitskleid. Heiraten soll die junge, in Deutschland lebende Armenierin, aber sie selbst hat eigene Pläne. Sie möchte unabhängig von familiären Interessen selbstbestimmt leben und lieben, möchte Pippi Langstrumpf statt eingesperrte Prinzessin sein. Es ist doch ein Leichtes, sich das Kleid vom Leib zu reißen, um endlich frei zu sein – oder nicht? Freiheit und Familie scheinen nicht ohne Verluste vereinbar zu sein.

Auch Svetlana Effa hat nicht nur geschlechtsspezifische, sondern auch regionale Hürden zu überwinden. Als in Deutschland lebende Kasachin mit deutschen Vorfahren muss sie sich fragen und fragen lassen, wo sie überhaupt zu Hause ist. Auch die Monologe Rukshana Nadjimis, Diana Schmidts und Brunhilde Schönes thematisierten neben verschiedenen Formen des Widerstands auch transnationale Aspekte. Ein Umstand, der dem Minidrama einiges an Authentizität verleiht und ihm gleichzeitig empirische Tiefe schenkt: Heute mehr denn je sind die Lebenswelten vieler Menschen in changierende regionale und kulturelle Muster eingebettet, was letztlich auch höhere Ansprüche an die künstlerische Auseinandersetzung stellt, will sie nicht in engstirnige Klischees verfallen. Text, Regie und Darstellung des „boat people projekts“ ist es zu verdanken, dass „bread and roses“ nicht in diese Falle getappt ist. Im Gegenteil: Der Abend bot liebenswerte und doch kritische Charakterstudien. Ein wirklich besonderer Spaziergang.

Weitere Vorstellungen: am heutigen Donnerstag und am Freitag, 11. März, um 20 Uhr. Start ist am Alten Rathaus, Markt 9 in Göttingen.

Von Jonas Rohde

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