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Sie stehlen sich auf Socken durchs Leben

„Diebe“ feiern Premiere Deutschen Theater Sie stehlen sich auf Socken durchs Leben

Die Premiere von Dea Lohers Stück "Diebe" bescherte dem Publikum am Sonnabend im Deutschen Theater (DT) Göttingen einen großartigen Theaterabend.

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Ständig in Bewegung, ohne aufzufallen: Auf leisen Sohlen auf der Bühne.

Alle sind ständig unterwegs. So, wie das im Alltag eben ist. Zu hören ist davon allerdings nichts, denn die Schauspieler laufen auf Socken. Keine Absätze klackern, keine Sohlen hinterlassen Spuren. Ein kleiner, aber feiner Kunstgriff von Regisseur Felix Rothenhäusler und Ausstatterin Lea Dietrich. Sie zeichnen verantwortlich für die Inszenierung von Dea Lohers Stück „Diebe“ – uraufgeführt zu Beginn des Jahres von Lohers Haus- und Hofregisseur Andreas Kriegenburg in Berlin –, die dem Publikum bei der Premiere am Sonnabend im Deutschen Theater (DT) Göttingen einen großartigen Theaterabend bescherte. Gründe für den Erfolg gibt es gleich eine ganze Reihe.

Da ist beispielsweise der Text von Loher. Die titelgebenden Diebe kommen im herkömmlichen Sinn nicht vor. Sie schildert beiläufig, aber auch sehr kompakt alltägliche Menschen, ihre alltäglichen Hoffnungen, aber eben auch ihr alltägliches Scheitern. Es sind Suchende, Versuchende, vorsichtige Kämpfer und zähe Durchhalter. Loher lässt sie erzählen aus ihrem Leben, das keine großen Geschichten bereit hält, aber die vielen kleinen, die die Welt auch interessant machen. Regisseur Rothenhäusler, Jahrgang 1981, sieht sie alle als Diebe, die Lebensentwürfe anderer für sich selbst benutzen und damit nie wirklich bei sich sind. Sie stehlen sich durchs Leben.

Das Ensemble zeigt diese Menschen voller Überzeugungskraft. Zwölf Schauspieler, die die meiste Zeit auf der Bühne präsent sind. Sie sind ständig in Bewegung, ohne aufzufallen. Sie begegnen sich, fangen an zu plaudern, lernen sich manchmal sogar kennen. Ein Dutzend Charaktere, die nebeneinander herlaufen und deren Geschichten Loher kunstfertig miteinander verwebt.
Auffällig unaufgeregt ist Rothenhäusler mit dem Text umgegangen. Unspektakulär, aber mit viel Gefühl für Timing und dramaturgischen Schwung hat er die Geschichten entwickelt und dabei weitgehend auf Bühne und Requisiten verzichtet. Eine verblüffend tragfähige Entscheidung, hier stehen die Menschen im Zentrum. Dafür braucht Rothenhäusler ein starkes Ensemble, das er mit seiner Arbeit noch stärker gemacht hat. Alle zwölf sind Individuen mit ihren Eigenheiten, die prächtig miteinander harmonieren. Und wie das Leben eben so spielt, entstehen dabei ganz tragische, aber auch wunderbar komische Momente.

Ein Glanzlicht zeigen Gaby Dey und Meinolf Steiner als Ehepaar Schmidt, das ein Tier in seinem Garten vermutet. Es hinterlässt Spuren, zeigt sich aber nicht. Doch dann entdecken sie statt des Tieres Josef, der sich in ihrem Leben einnistet. Ein allgegenwärtiger, an sich harmloser Beobachter, den sie als Bedrohung empfinden. Brüllkomisch, wie sie sich seiner schließlich in all ihrer Hilflosigkeit entledigen. Ein grandioses Trio mit herrlichem Witz.

Den zeigt auch Johanna Diekmeyer als Gabi Nowotny, eine etwas schlichte, aber clevere junge Frau, die auf der Wache von einem Mordversuch erzählt. Ihr Freund habe versucht, sie zu erdrosseln. Anzuzeigen will sie die Tat nicht, sondern nur einen Rat. Anrührend die Szene, als Linda (Marie-Isabel Walke) ihrem Vater, dem Rentner Erwin (Paul Wenning) die Nachricht vom Tod ihres Bruders überbringen muss. Bemerkenswert, wie Monika (Katharina Heyer) versucht, mit ihrem Ehemann Thomas (Gerd Zinck) Stärke zu zeigen, als die versprochene Beförderung platzt. Einige Bespiele von vielen brillanten Szenen, die durch einen weiteren Kunstgriff Rothenhäuslers atmosphärisch häufig noch verdichtet werden.

Denn der Regisseur hat mit Matthias Krieg einen Theatermusiker engagiert, der den Abend in der linken Seitenloge verbringt und von dort auf Fingerzeig der Schauspieler Klangsequenzen einspielt. Mal Klavier, mal Gitarre, immer wieder ein spanisches Chanson. Und Krieg agiert so unaufgeregt und konzentriert, wie Rothenhäusler inszeniert hat. Ein runder, dichter Theaterabend mit Tiefe, viel Witz und großartigen Schauspielern, den das Premierenpublikum begeistert und lang anhaltend beklatschte – schon während der Vorstellung immer wieder mit Szenenapplaus. Das hat es länger nicht gegeben in Göttingen.

Weitere Vorstellungen: 28. Oktober sowie 3., 9., 16., 19. und 26. November im DT Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 0551/49    69    11.

Von Peter Krüger-Lenz

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