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Sind „wir“ so?

Michael Nast liest aus „Generation Beziehungsunfähig“ Sind „wir“ so?

So geistig unterfordert ist man selten in Raum 011 im Zentralen Hörsaalgebäude der Georg-August-Universität: Michael Nast hat seinen Roman „Generation Beziehungsunfähig“ vorgestellt. Darin beschreibt er wie Männer und Frauen sind, wie „wir“ so ticken und enthüllt ein öffentliches Geheimnis: bei Tinder geht es nicht um Liebe.

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Autor Michael Nast. 

Quelle: dpa

Göttingen. Bescheidenheit kann man Nast wirklich nicht vorwerfen. Einen Teil seiner Lesung nutzt er, um seinen „unglaublichen“ Erfolg zu preisen. Sein Text „Generation Beziehungsunfähig“, der zuerst als Kolumne erschien und den er dann später zu einem Buch ausbaute, beschreibt er ungeniert als einen „der Texte, die sind klüger als ihr Autor“. Nach dem Erscheinen der Kolumne musste das Online-Magazin für das er schrieb „die Server per Hand kühlen“.

Das Buch:

Michael Nast: „Generation Beziehungsunfähig“, Edel Books, 240 Seiten, 14,95 Euro.

Tatsächlich wird sein Buch gekauft. Es steht auf Platz eins der Spiegel-Bestseller-Liste in der Kategorie Sachbuch. Nast möchte eine Zustandsbeschreibung liefern und reiht dazu ein paar Alltagsweisheiten und Plattitüden aneinander. Sein Buch lese sich „wie ein Gespräch mit dem besten Freund“ verrät der Klappentext.

Tatsächlich schildert der Blogger und Schriftsteller Gespräche mit Freunden, die er dann kommentiert. Stilistische Finessen kommen dabei eher kurz. Wie im Alltag eben. Der Versuch, Spannung aufzubauen, sieht dann etwa so aus: „Genau dann passierte es. Ich hatte ein Déjà-vu.“ Dramatische Pause. „Genau genommen war es kein Déjà-vu.“ 

Ratgeber sei er nicht, moralisieren liege ihm fern. Nur klingt es anders, wenn der Berliner liest. Freunde erzählen ihm von Dating-Erfahrungen auf Tinder, und der Ich-Erzähler erwidert daraufhin immer gerne „Aha“ und gibt sich insgeheim „irritiert“. Nachdem er dann das Allgemeine, Repräsentative für die Generation der 20- bis 40-Jährigen aus diesen Gesprächen herausarbeitet und in ein „so-sind-wir“-Statement umwandelt, folgt häufig seine abschließende Bewertung: „Tja.“

Nasts Texte könnten etwas pointierter durchaus amüsant zu lesen sein. Wenn er nicht für sich beanspruchen würde, Gesellschaftsbeschreibung, sondern Gesellschaftssatire zu machen. Doch er liest mit wichtiger Stimme und bedeutungsschweren Pausen und man wird das Gefühl nicht los: Er meint es ernst.

Von Jorid Engler

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