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Sinnenfreude und Temperament in Göttingen

Aulakonzert Sinnenfreude und Temperament in Göttingen

Ursprünglich sollte die Sopranistin Nuria Rial im Aulakonzert der Göttinger Kammermusikgesellschaft am Sonntag gastieren. Weil sie krankheitshalber absagen musste, ist kurzfristig die deutsch-chilenische Sopranistin Carolina Ullrich eingesprungen. Sie hat das Publikum begeistert und verzaubert.

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Pianist Marcelo Amaral und Sopranistin Carolina Ullrich bei ihrem Auftritt in der Aula der Universität

Quelle: Heller

Göttingen. Ullrich ist seit 2010 an der Dresdner Semperoper engagiert. Sie ist aber auch seit Längerem im Liedfach aktiv. Dass sie ihre große Bühnenpräsenz bei einem Liederabend nutzt, mag einige Hörer in der voll besetzten Aula zunächst befremdet haben. Denn Liedersänger wie Dietrich Fischer-Dieskau haben selten den Augenkontakt mit dem Publikum gesucht und ihre Mimik nur ausnahmsweise in den Dienst der Interpretation gestellt.

Das tut Ullrich gern – aber nirgends effektheischend, sondern mit so viel Charme und Geschmack, dass man diese Verlebendigung des Textes zu genießen beginnt, ja davon angesteckt wird und hier und da unabsichtlich mitlächelt. Sinnenfreude ist auch im so intellektuellen Kunstlied nicht verboten. Im Gegenteil.

Mit drei Liedern aus „Myrthen“ und dem Eichendorff-Lieder­kreis war die erste Hälfte des Abends Robert Schumann gewidmet. Ganz klar konturiert zeigte sich hier der Sopran der Sängerin, hell timbriert, auch in tiefen Lagen kraftvoll grundiert und in der Höhe federleicht, dennoch mit Leichtigkeit raumfüllend. Dazu besitzt die Stimme eine ungewöhnlich große Dynamik, die bis in ein betörend zartes Pianissimo reicht.

Und was der Pianist Marcelo Amaral als ihr Klavierpartner leistet, ist dem großen Können der Sängerin absolut ebenbürtig. Perfekt ausgewogen ist das Lautstärkeverhältnis von Gesang und Klavier. Amaral ist mit seiner ausgereiften Anschlagskultur ein Klangfarbenkünstler, besitzt eine bravouröse Technik und zaubert aus dem Flügel melodische Linien hervor, als habe das Instrument eine Stimme.

Mit Liedern des Katalanen Fernando Obradors, des aus dem französischen Kulturkreis stammenden Reynaldo Hahn und des Brasilianers Francisco Ernani Braga boten Ullrich und Amaral anschließend leichtere, südliche Kost, Unterhaltsames mit folkloristischer Grundierung. Da konnten Ullrich und Amaral ihr sprühendes musikalisches Temperament entfesseln, mit Witz, zärtlichen Klängen und viel Schmelz die Hörer nachhaltig bezaubern.

Am Ende wollte der Beifall kaum aufhören. Und das Publikum bekam, was es so dringend einforderte: zwei Zugaben, „Ein Traum“ von Edvard Grieg und – mit einer Pianissimo-Intensität, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören – Richard Strauss’ „Morgen“.

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Von Redakteur Michael Schäfer

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