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Soheil Nasseri im Göttinger Clavier-Salon

„God save the king“ Soheil Nasseri im Göttinger Clavier-Salon

Gern nimmt er sich viel vor: Soheil Nasseri, in Berlin lebender amerikanischer Pianist mit iranischen Wurzeln, will bis 2020 sämtliche Klavierwerke Beethovens aufführen. Am Donnerstag war davon bei seinem Konzert im Clavier-Salon ein Stückchen zu hören: die Variationen über „God save the king“.

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Soheil Nasseri liebt es titanisch: Er nutzt seine kräftigen Finger für Tastenattacken, aus denen sich wahre Akkordgewitter entladen, für kraftvoll gemeißelte Konturen, für des Basses Grundgewalt wie für helles Gleißen im hohen Diskant.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Das war die kleinste Nummer des ansonsten wahrlich kräftezehrenden Programms. Chopins g-Moll-Ballade stand am Anfang, gefolgt von Schuberts großer G-Dur-Sonate. Das frappierende Finale bildete Beethovens fünfte Symphonie in der Klavier-Solo-Fassung von Franz Liszt.

Nasseri liebt es titanisch. Er nutzt seine kräftigen Finger für Tastenattacken, aus denen sich wahre Akkordgewitter entladen, für kraftvoll gemeißelte Konturen, für des Basses Grundgewalt wie für helles Gleißen im hohen Diskant.

Das passt bestens zu einigen Abschnitten der Chopin-Ballade, auch zu dynamischen Höhepunkten in Beethovens Symphonie. Die Kehrseite der titanischen Attitüde: Zartheit oder Poesie sind nicht unbedingt Nasseris Sache. Darüber, dass etwa etliche Passagen der Chopin-Ballade pianissimo zu spielen sind, fegte er im Sturm der Leidenschaft hinweg. Die kleinen Modulations-Wunder in der Schubert-Sonate hielt er wohl für ganz selbstverständlich – und spielte sie ganz geradeaus. Hätte er einen winzigen Moment eingehalten, vorher gar die Lautstärke zurückgenommen und eine geheimnisvolle Farbe leuchten lassen, hätte Schuberts Musik ihren ganzen Zauber offenbaren können.

Gewiss, den improvisatorischen Gestus von Beethovens Variationen zeichnete er eindrucksvoll nach. Und es gebührt ihm auch großer Respekt dafür, wie er im Lisztschen Arrangement mit zehn Fingern ein ganzes Orchester auf 88 Tasten erstehen ließ. Aber auch dort hätte eine Feinarbeit im Bereich des Anschlags noch ungleich mehr Differenzierungen des Ausdrucks bewirken können.

Gleichwohl macht ein Titan an den Tasten mächtig Eindruck. Für den Beifall bedankte sich Nasseri mit zwei Liszt-Stücken als Zugabe: einer etwas derben Version vom „Liebestraum“ und der zehnten Ungarischen Rhapsodie, in der er mit einigen zurückhaltend-zarten Passagen überraschte. Vielleicht kann er’s ja doch.

 Von Michael Schäfer

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