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Souveräne sängerische Präsenz

Kammerchor Souveräne sängerische Präsenz

Nachdem das erste Konzert im vergangenen Herbst die Göttinger Chorszene hat aufhorchen lassen, führte der Kammerchor „Con anima“ am Sonntag sein zweites Programm unter dem ambitionierten Titel „Jenseits“ auf. Lyrik und Musik seien Möglichkeiten, eine Brücke zwischen dem Leben und jenem Jenseits zu schlagen, erklärte Chorleiter Jan Scheerer, der Werken von Bach, Brahms, Britten und Rautavaara eine eindrückliche eigene Komposition zugesellte. 

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Ausgewogen: der Chor „Con anima“.

Quelle: Heller

Ambitioniert wie der Konzerttitel ist die Arbeit des Chores: Zwei Dutzend versierte Sänger haben sich hier zusammengetan, um unter der inspirierenden Leitung des in Kopenhagen studierenden Scheerer zu singen. Und was die Choristen in wenigen Probenwochenenden an Klang erarbeitet haben, ist erstaunlich: Ausgewogen die Stimmen – im Tenor fehlte ein Sänger –, homogen innerhalb der Stimmen. Brahms’  „Abendständchen“ wurde in wunderbarer Zartheit gesungen, leise und doch mit souveräner sängerischer Präsenz. Scheerer, ohne Noten mit Verve dirigierend, legte hörbar Wert auf die großen Bögen. Der Chor ließ sich Zeile um Zeile zur Klangfülle („der Töne Licht“) führen, die abermals in ein feines Piano zurückgenommen wurde. 

Mit solcher Klangkultur ging es durch das weitere Programm: Nach einer Komposition des hörbar von skandinavischer Chortradition beeinflussten Dirigenten – klangmalerisch schlugen da „milde Hammer“, rollten Steine, war „der Klang grün“ – und des Finnen Einojuhani Rautavaara – blitzsauber die heiklen Intervalle – wurde die doppelchörige Bach-Motette „Komm, Jesu, komm“ und Brittens umfangreiches „A.M.D.G.“ aufgeführt. Vorher hatte Arne zur Nieden an der Orgel das ernste Präludium in g-Moll von Dietrich Buxtehude gespielt. 

Sehnsuchtsdialog

In der Bach-Motette kam die große Routine der Choristen zum Tragen. Zwingend sangen sie diesen Sehnsuchtsdialog. Tiefsinnig war, dass just das abschließende Bekenntnis nach Johannes 14,6 (Jesus als Weg, Wahrheit und Leben) dynamisch zurückgenommen wurde. Auch das Bekenntnis wird leise, ist „der Leib müde“. Ohne Scheu vor barocker Innigkeit dann klangschön der abschließende Choral.

Höchste Ansprüche an einen Chor stellt Benjamin Brittens Vertonung von Texten des Jesuiten Gerard Manley Hopkins, die sprachlich so radikal wie radikal katholisch sind: Reuevoll klang das einleitende Gebet, mit starker Deklamation wurde Gottes Hoheit besungen, innig-versunken die Betrachtung der „Rosa mystica“; in scharfem Kontrast dazu ein bitter-ironisch antimilitaristischer Marsch, vom Chor kraftvoll-mächtig dargeboten, den billigen Effekt des Dröhnens meidend. Auch Details wurden mit großer Achtsamkeit gestaltet. Es war berührend, wie ein „Amen“ nicht ohne dissonante Durchgangsnoten gleichsam in den Himmel geworfen wurde. Keine Frage: „Con anima“ und Scheerer sind eine große Bereicherung der südniedersächsischen Chorlandschaft – in den Höhenlagen.

Von Karl Friedrich Ulrichs

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