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Spaß am unbeherrschbaren Alltags-Chaos

Jan Weiler im Jungen Theater Spaß am unbeherrschbaren Alltags-Chaos

Es gibt Menschen, die gehen aufgrund ihrer Sichtweise auf den bisweilen chaotischen Alltag deutlich entspannter als viele ihrer Artgenossen durchs Leben.

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Berichtet fröhlich vom täglichen Familienirrsinn: Jan Weiler im Jungen Theater in Göttingen.

Quelle: Hinzmann

Wenn diese Menschen dann noch die Gabe besitzen, andere an ihrer Sichtweise teilhaben zu lassen, ist das wohl ein Zugewinn für alle – und mündet bestenfalls in einem unterhaltsamen Abend mit vielen Gelegenheiten zum Lachen. So geschehen am Montagabend im Jungen Theater, wo der ehemalige Chefredakteur des „Süddeutsche Zeitung Magazin“ und seit 2005 als freier Schriftsteller tätige Jan Weiler das Publikum mit seinen in weiten Teilen authentischen Alltagserfahrungen unterhielt.

„Das Leben wird langweiliger, weil beherrschbarer“, sagt Weiler auf der Bühne. Sein Rezept gegen die Langeweile ist einfach: Das Leben beobachten. So wie im Göttinger Kartoffelhaus, wo er amüsiert miterlebt, wie das einfache Bestellen eines Fleischgerichts zu komplexen Sprachproblemen zwischen Gast und Kellnerin führen kann. Oder so wie vor Jahren, als der jüngst verstorbene Peter Alexander ihm während eines kurzen Zusammentreffens spontan das Schwimmen beibringen will – natürlich in geliehener Badehose.

Es sind unspektakuläre, persönliche Anekdoten, deren Witz, hätte sie ein anderer erlebt, vielleicht gar nicht aufgefallen wäre. Doch Weiler erzählt seine Geschichten gefällig. Geschichten wie die von Tochter Carla (12), die sich derzeit von einem niedlich-lieblichen Wesen in ein „grauenhaftes Pubertier“ verwandelt. Der Vater kommt nicht umhin, sie deswegen nach ihrem aufkeimenden Liebesleben zu befragen und bekommt nur ein entsetztes „Papaaa!“ zurück. Kein Wunder, wenn der Vater fragt, ob „mit oder ohne Zunge“ geküsst wird. Sohn Nick (8) wünscht sich Homer Simpsons als Ersatzvater. Über seine Entrüstung kommt Weiler erst hinweg, als er sich schließlich an seinen eigenen Traumvater aus Kindertagen erinnert: Lex Barker alias Old Shatterhand. Wild, stark, mit Lederkluft statt Büro-Anzug.

Weiler ist den meisten Lesern wohl bekannt geworden durch seinen Debüt-Roman „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ (2003), der sechs Jahre nach Erscheinen in den deutschen Kinos zu sehen war – mit Christian Ulmen in der Hauptrolle. Treue Leser hat Weiler zudem mit seiner vormals Stern- und nun Welt-am-Sonntag-Kolumne „Mein Leben als Mensch“ gewonnen. Die Kolumne wurde in Auszügen 2009 als Buch veröffentlicht. Ein Großteil der Lesung im JT stammt aus diesem Werk.

Der beim Publikum bekannteste Protagonist seiner Erzählungen jedoch tritt sowohl in „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ als auch im realen Leben auf. Es ist der italienische Gastarbeiter Antonio, Weilers Schwiegervater. Antonio ist männlich. So männlich, dass er Angst hat, vom Haare föhnen schwul zu werden.

Unwohl ist Weiler deshalb, als er dem vorzeige-Italiener und Berlusconi-Bewunderer zusammen mit seiner Frau einen Kosmetik-Gutschein schenkt. Was er nicht ahnen kann: Antonio freundet sich prompt mit der in rosa gekleideten, kreischenden Kosmetikerin an und wünscht sich nichts sehnlicher als eine weitere „Gesiektebehandelung“.

Es ist das Dynamische, das Unbeherrschbare sowohl an Antonio als auch an den Kindern, das zu Weilers Alltags-Chaos führt. Aber es ist auch das, was ihm und dem Publikum am meisten Freude bereitet und so für einen entspannten Abend sorgt.

Die meisten Lacher erntet Weiler mit eingestreuten Witzen, mal sinnfrei, mal voller Sprachwitz. Und er verrät die kürzeste Kolumne, die er jemals geschrieben hat: „Die Salzstange ist das Baguette des kleinen Mannes“.

Von Björn Dinges

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