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Spaß mit Krawall und leisen Momenten

Spaß mit Krawall und leisen Momenten

Der Pool war bestimmt mal sehr schön. Jetzt ist er nur noch abgeranzt. Kacheln sind herausgebrochen, alles ist versandet und vermüllt. Die Agave kümmert vor sich hin, die Blumenkästen hängen schief in der Gegend herum (Bühne: Ansgar Silies).

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Welten prallen aufeinander: Weltretter Gero (Björn Bonn) und die abgedrehte Alice (Eva-Marie Keller).

Quelle: Klinger

Auf dieser Lodge in Namibia machen Alice und Ben Urlaub. Rebekka Kricheldorf hat diese beiden Figuren in ihr Stück „Robert Redfords Hände selig“ geschrieben – und dabei zweifellos auf „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ von Edward Albee geschaut. Denn die Figurenkonstellation ist nahezu identisch. Die Uraufführung am Theater im Fridericianum (tif), der Studiobühne des Staatstheaters Kassel, hat Schirin Khodadadian inszeniert.

Darf ein Autor derart offensichtlich, vielleicht sogar schamlos in der Theaterliteratur wildern, wie Kricheldorf es diesmal getan hat? In Albees Stück prallt das ewig streitende ältere Ehepaar George und Martha, beide manipulativ und zynisch, auf die jungverheirateten Nick und Honey, beide nicht dumm aber naiv. Bei Kricheldorf treffen das ewig streitende Rentnerpaar Ben und Alice, beide manipulativ und zynisch, auf die frisch verliebten Gero und Julia, beide nicht dumm aber naiv. Klar darf ein Autor so wildern wie Kricheldorf. Denn sie macht es offensichtlich, überaus intelligent und obendrein ausgesprochen witzig.

Ben (liebevoll grantelnd und rhetorisch gefährlich: Matthias Winde) hat mal Medizin studiert, dann ging er in Rente. Nur er ging in Rente, denn „meine Frau hatte ja nichts“. Alice (schrill und stark: Eva-Maria Keller) hat das Kind groß gezogen und den Haushalt gemanagt. Dafür gibt es keinen Anspruch auf Altersbezüge. Ben wollte fortziehen, am liebsten nach Sylt. Alice aber setzte eine Fernreise durch, die beide nach Afrika führte. Hier entdeckte sie ein Haus „rosa und direkt am Meer“. Das haben sie gekauft, dort leben sie jetzt. In dieser verfallenen Lodge mitten in der Wüste machen sie nur Urlaub. Und dieser besteht dann aus Alkohol und herumhängen.

Abwechslung bringt das junge Pärchen Julia (so normal, so verwöhnt: Alina Rank) und Gero (als Hardcore-Weltretter grandios: Björn Bonn). Sie sind auf der Durchreise zu einem Aids-Hilfe-Projekt in Windhoek, wo sie arbeiten wollen, voller Ideale. Einen Tag und eine Nacht toben sie sich aneinander aus. Sie debattieren, saufen, nehmen Drogen, beleidigen sich aufs heftigste, brüllen herum. „Am nächsten Morgen gibt es nur noch ein Paar“, heißt es im Programmheft.

Souverän ist Khodadadian mit Kricheldorfs Stück umgegangen. Sie hat einen wunderbaren dramatischen Bogen geschlagen mit leisen Momenten und mit Krawall, wenn er notwendig ist. Das ist laut, grell und bunt. Aber vor allem ist es geradezu ein Lehrstück über Postkolonialismus in Afrika, über Engagement, über Resignation, Liebe und was sonst noch bewegt.

Hier ist einiges politisch korrekt, vieles überhaupt nicht, alles tragisch und dabei wahnsinnig komisch. Theater kann auch Spaß machen.
Weitere Vorstellungen: 8., 15. und 22. Oktober sowie am 4., 14., 19., 24. November und 2. Dezember um 20.15 Uhr im Theater im Fridericianum, Karl-Bernhardi-Straße in Kassel. Kartenbestellung unter Telefon 05  61 / 1 09 42 22.

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