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Spektakel auf Manegensand

Oper in Kassel Spektakel auf Manegensand

Was für eine Dynamik der Musik! Mit ihrem Rhythmus ist in dieser großartigen Inszenierung jede Geste, jede Gruppierung auf der Bühne verschmolzen. Am Sonnabend hatte Sergej Prokofjews Werk „Die Liebe zu den drei Orangen“ im Opernhaus Premiere.

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Genervt: der Prinz (Tobias Hächler) , obwohl Truffaldino (Johannes An) Späße macht.  

Quelle: Klinger

Kassel. Die Stimmen der Sänger sind voller Kraft. Das Orchester unter Leitung von Patrik Ringborg meistert das dramatische Werk mit seinen rasanten Wechseln und vielen tonmalerischen Elementen grandios. Trotzdem applaudierte die Mehrheit des Premierenpublikums leider nur verhalten. Lediglich einige Bravo-Rufe gab es, etwa für die finstere Zauberin Fata Morgana, die Herrin der Täuschung (Inna Kalinina).

Weitere Vorstellungen:

12. März, 8. April, 18. und 25. Mai sowie am 6. Juli um 19.30 Uhr, am 27. März und 8. Mai um 18 Uhr sowie am 5. Juni um 16 Uhr in der Staatsoper Kassel, Friedrichsplatz. Kartentelefon: 05 61 / 10 94 222.

Die Kasseler fremdelten mit dem Stück, das Prokofjew nach seiner Emigration aus dem revolutionsgeschüttelten Russland in den USA geschafften hatte. Zu bizarr-grotesk hat Dominique Menthas für ihren Geschmack die 1921 in Chicago uraufgeführte Oper inszeniert. Mentha lässt das Märchen, in dem ein Prinz eine Prinzessin aus den Klauen einer Hexe rettet, in der Manege spielen.

Der König (Hee Saup Yoon) kommt als Zirkusdirektor, der zunächst depressive Prinz (Tobias Hächler) als trauriger Clown, der böse Minister (Hansung Yoo) als Kugel mit Elefantenohren daher. Die einfallsreichen Kostüme stammen von Anna Ardelius.

Doch die Zirkusatmosphäre passt nicht schlecht zu Prokofjews Libretto, das auf einem Spiel von Carlo Gozzi basiert. In ihm ist der klassische Märchenstoff traumhaft verfremdet. Da spielt die Zaubererin Fata Morgana mit dem guten Magier Tschelio (Marc-Olivier Oetterli) um die Zukunft des Reiches Karten. Da verliebt sich der Prinz aufgrund eines Fluchs der Zauberin in drei Orangen. Mit Unterstützung von Spaßmacher Truffaldino (Johannes An) stiehlt er die Früchte aus der Küche einer Hexe.

Nur mit List entkommen sie der todbringenden Kelle der Köchin (amüsant: Hee Saup Yoon). Jede Orange birgt eine Prinzessin, von denen jedoch zwei sofort an Durst sterben. Eine dritte überlebt nur, weil das Zirkuspublikum (der Chor unter Leitung von Marco Zeiser Celesti), einschreitet. Einer dieser Zuschauer bringt den Eimer mit dem rettenden Wasser.

Die Inszenierung spielt die Zirkuskarte voll aus. Vier kindlich-verspielte Clowns purzeln auf dem Manegensand herum. Tschelios Teufelsbeschwörung wird zur pyrotechnischen Bühnenfeuershow. Durch die Luft wirbelnde Pois greifen den Orangendiebstahl noch einmal bildlich auf.

Konsequent setzt das Künstlerteam auf Pantomime. Das Programmheft zitiert Wsewolod Meyerhold, der einst Gozzis Text ins Russische übersetzt hat: „Der Schauspieler des Musikdramas muss das Wesen der Partitur erkennen und alle ihre Feinheiten in die Sprache seiner Bewegungen umsetzen.“ Das gelingt unter der Bewegungsregie von Lillian Stillwell hervorragend. Die schnellen, harten Schnitte von Prokofjews Libretto lassen dem Zuschauer keine Zeit zum Nachdenken. Das gibt dem eigentlich absurden Stück zwei Stunden und zehn Minuten lang die nötige Spannung.

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