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Spektakel im Märchenwald

Uraufführung am DT Spektakel im Märchenwald

Hannah Zufall hat für ihr Theaterstück "Weil sie nicht gestorben sind" drei Märchen der Brüder Grimm umgekrempelt: Die Handlung Richtung Gegenwart variiert, und die Figuren wissen um ihre Existenz in einem Märchen. Am Deutschen Theater wurde das märchenhafte Gegenwartsstück am Freitag uraufgeführt.

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Moritz Schulze, Katharina Uhland und Karl Miller beim Spiel. 

Quelle: Deutsches Theater Göttingen

Göttingen. Was ändert sich, wenn eine Geschichte gedruckt ist? Nichts. Wird aber eine Geschichte erzählt, dann verändert sie sich in Nuancen oder sogar bis in den Handlungsablauf. Bis die Brüder und Sprachforscher Jacob und Wilhelm Grimm auf die Idee kamen, die von Generation zu Generation weitererzählten Märchen aufzuschreiben, war das so mit den Erzählungen, die immer auch neue Attribute der jeweiligen Gegenwart erhielten.

Also sollten heute Limousinen statt Kutschen fahren, rollte statt goldener Kugel vielleicht ein kugeliger Bluetooth-Lautsprecher oder wäre das Hochzeitsfest von Königs eine geile Party mit Wodka-Vorglühen. Und schon wären die Märchen keine ollen Kamellen mehr mit heutzutage unbekannten Dingen wie  Spinnrad oder Trog.
Als Blüten-Blätter-Spektakel beginnt die Geschichte von Allerleirauh. Regisseurin Brit Bartkowiak lässt Katharina Uhland als naives Blumenmädchen innigst mit ihrem Vater leben. Doch ebenso märchenhaft kostümiert als Esel-Hase-Mähnentier raubt ihr Moritz Schulze - niedlich und fies, polternd und lispelnd - den Schlaf und das Unbedarftsein.

Der Apfel der Erkenntnis kommt ins Spiel. Die Tierwelt will nicht mehr durchs Märchen gejagt werden, um Felle für einen Mantel zu geben, den Allerleirauh vom Vater einfordert, um den Inzest-Heiratsantrag abzuwehren. Und der Apfel zeigt dem Königskind, was der Vater wirklich liebt: das Kind. 

Flucht und Fluch hat Autorin Zufall in der Trilogie ebenso in Verbindung gesetzt wie die Märchenmotive. Da ätzt das Untier, "Mythos, Märchen, Bibel - alles gleich". Und als laszive Alba macht sich Uhland in "Brüderchen und Schwesterchen " so oder so frei, auch von den Grimms.

Das keusche Mädchen und das scheue Rehlein (so verzweifelt wie berechnend gut: Moritz Schulze als Albert) haben sich neu erfunden und vernaschen  den geknebelten König. Den gibt Karl Miller mit Federumhang, Riesenrohr-Krone und mächtigem Gemächt vordergründig tugendsam und geifernd durchtrieben. Die Grimms haben eben nicht alles erzählt, weiß die rotzfreche Alba, die keinen Apfel der Erkenntnis braucht, sondern lieber einen Schluck Wodka nimmt. 

Vom Schlagabtausch zum Sockel-Solo für Katharina Uhland wandelt sich der dritte Teil: Da kommt sie groß raus als altkluge Göre, achtes Kind und einmal mehr Schwester. Die findet heraus, was ihren Brüdern nach ihrer Geburt widerfahren ist und sucht "Die sieben Raben". Herrlich naseweis, völlig anders als zuvor, gibt Uhland das auf den nun zum Stufenpodest zusammengeschobenen Sockeln.

Wie wandelbar Erzähltes sein kann, unterstreichen wandlungsfähig auch Bühnenbild und Kostüme von Carolin Schogs. Und am Ende steht Uhland über allem. Freut sich, "vom Schlüsselkind zur Schlüsselfigur" geworden zu sein, um bald danach widerstrebend feststellen zu müssen, dass die Märchenrolle ein Ende hat. Und kann den begeisterten Applaus für "Weil sie nicht gestorben sind" nicht aufhalten.

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