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Spektrum zwischen Rustikalität und Erhabenheit

Göttinger Symphonie Orchester Spektrum zwischen Rustikalität und Erhabenheit

Max Reger hat es selbst prognostiziert: „Meine Zeit wird kommen“. Lange war sein umfangreiches Werk in den Konzertsälen eher unterrepräsentiert. Auch das fast einstündige Violinkonzert op. 101 aus den Jahren 1907/08 wurde wegen seiner „Überladenheit“ stets heftig kritisiert und schaffte trotz namhafter Fürsprecher nie den Sprung ins Repertoire.

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Ohne altväterliche Behäbigkeit: das Göttinger Symphonie Orchester.

Quelle: Heller

Das könnte sich mit der europäischen Erstaufführung der neu orchestrierten Fassung von Adolf Busch (1938) ändern, die auf maßgebliches Betreiben Christoph-Mathias Muellers in der Stadthalle zustande kam. In Kooperation mit dem Max-Reger-Institut Karlsruhe mussten hierzu eigens aus dem Manuskript Partitur und Stimmenmaterial erstellt werden –  ein Mehraufwand, der jedoch die Basis für eine repertoiregeschichtliche Großtat legte. Im Vergleich zur Originalfassung wurde hier durch gezielte Schnitte in der wuchernden Orchestrierung eine äußerst vorteilhafte Transparenz erreicht, die stellenweise sogar an Mendelssohnsche Duftigkeit heranreicht. 

Mit Kolja Lessing hatte das an melodischer Üppigkeit schier überquellende Konzert einen zutiefst seriösen Fürsprecher. An virtuosem, gar reißerischem Gebaren lag dem als Geiger und Pianist gleichrangig tätigen Ausnahmekünstler nichts. Sein großer sonorer Ton strahlte durch alle Register, blieb selbst im feinsten pianissimo höchst intensiv und bei aller Innigkeit stets kontrolliert und beherrscht. Solist und Dirigent  verloren auch im dichtesten hyperpolyphonen Dickicht nicht die konzeptionelle Übersicht, führten zu traumhaft lyrischen Lichtungen und rissen das Publikum der sehr gut besuchten Stadthalle schließlich zu Beifallsstürmen hin.

Fast samtener Klang

Joseph Haydns 103. Sinfonie („Mit dem Paukenwirbel“) hatte schon in der ersten Konzerthälfte dem Göttinger Sinfonie-Orchester Gelegenheit zur Selbstdarstellung gegeben. Mueller setzte von Anbeginn auf einen durchsichtigen und dennoch warmen, fast samtenen Orchesterklang, kostete das breite Spektrum zwischen Rustikalität und Erhabenheit voll aus und trieb der Sinfonie alle altväterliche Behäbigkeit aus. Ein kolossaler Abend.

Von Matthias Schneider-Dominco

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