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Lüge + Trick = Lyrik

"Spötterdämmerung“ zum Lichtenberg-Jubiläum Lüge + Trick = Lyrik

Mal geht’s um Sorgearbeit, dann um ein Walross: So vielseitig die Themen waren, so abwechslungsreich gestalteten sich die Vortragsarten von Kirsten Fuchs und Dalibor Markovic im Literarischen Zentrum. Die Veranstaltung war Teil der satirischen Lesereihe „Spötterdämmerung“ zum Lichtenberg-Jubiläum.

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Quelle: Niklas Richter

Göttingen. Direkt thematisiert wurde der Philosoph Lichtenberg an diesem Abend nicht. Aber Selbstironie, Wortwitz und auch Gesellschaftskritik der beiden Wortkünstler kamen dem Anspruch des Multitalents aus dem 18. Jahrhundert nach. Es wurde viel gelacht, besonders als Fuchs ihren Text „Nächstes Leben: Walross“ vorliest, in dem sie aus der Ich-Perspektive als Walross - langsam, mit tiefer Stimme - eigentlich nur darüber spricht, was das Walross den ganzen Tag macht. „Liegen kann ich gut, stundenlang. Alles was ich nicht kann, weiß ich nicht.“

Aber auch gesellschaftlich relevantere Themen griffen die Trägerin des Förderpreises für Komische Literatur 2016 und der Rapper, Lyriker und Beatboxer auf - immer unangestrengt, witzig, ein bisschen zum Nachdenken anregend, aber nicht dazu zwingend. So spricht der in Frankfurt geborene, aber wegen seines Namens trotzdem oft angesprochene Markovic über sein Leben mit „Mikrophonshintergrund“, Fuchs thematisiert im Text „Putzige Männer, putzige Frauen“ die Sorgearbeit. Da geht es darum, dass doch schon „wenn man in der Gebärmutter rumwabert“ bestimmt werde, wer später putzt und was für Berufswünsche man als Kind habe, als Mädchen zum Beispiel Prinzessin. Dabei sagt Fuchs: „Richtige Prinzessinnen machen nischt, das Gegenteil von Sorgearbeit“. Ausgenommen sei Prinzessin Lillifee, die rosa Kekse backe - „Vorboten der Sorgearbeit“, so Fuchs scherzend.

Nicht nur mit Inhalten, sondern auch mit Fingerkunst und Beatboxing-Talent überzeugte Markovic. „Ich habe ein paar Remixe für klassische Gedichte geschrieben“, erklärte der Spoken-Word-Poet und präsentierte den „Erlkönig“ von Johann Wolfgang von Goethe in einer Mischform aus Rap und Beatboxen, während er mit klaren, schnellen Hand- und Fingerbewegungen den Rhythmus begleitet. „In seinen Armen das Kind war tot“, rappt er die letzte Zeile des „Erlkönigs“ und sagt scherzend: „Sehr traurig, ich weiß, aber es ist ein Remix, ich kann am Inhalt leider nichts ändern.“

Anschließend erklärt Markovic in einem Slam wie einfach es sei, Gedichte zu schreiben - „wie Kuchen backen“. Der Abschluss des Rezepts: Man brauche nur noch Lüge und Trick, im Mixer ergebe das Lyrik. Genauso einfach scheint Markovic, der auch Poesie-Workshops an Schulen und Universitäten gibt, das Analysieren von Gedichten zu fallen. Auf eine beeindruckende Beatbox-Einlage folgt ein Rap über die Reimschemen in Shakespeares Romeo und Julia - kreuzen sich ihre Wege, wird der Kreuzreim genutzt, werden sie ein Paar, folgt der Paarreim, und der Schüttelreim sei ein Hinweis auf den Autor Shakespeare.

Zum 275-jährigen Lichtenberg-Jubiläum wurde ein vielseitiges Programm aufgestellt:

Die „Lichtenberg Reloaded“-Ausstellung ist dienstags bis donnerstags jeweils von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Die Ausstellungsserie „Kunstsequenzen 2017 - G.C. Lichtenberg“ im Künstlerhaus, Gotmarstraße 1, ist dienstags bis freitags von 16 bis 18 Uhr geöffnet, sonnabends und sonntag von 11 bis 16 Uhr.

„Lichtenberg Aphorismen“ sind in Form einer Plakatausstellung an Litfaßsäulen im Stadtgebiet und Umgebung zu lesen.

Auf den Spuren Lichtenbergs“ kann bei Stadtführungen unter anderem am Sonnabend, 1. Juli und Sonntag, 23. Juli, gewandelt werden. Treffpunkt: Tourist-Information am Alten Rathaus, Markt 9.

Das Theaterstück „Der größte Zwerg“ gibt es noch am Freitag, 30. Juni, und Sonnabend, 1. Juli, im Jungen Theater, Hospitalstraße 6, zu sehen.

Die nächste Veranstaltung in der satirischen Lesereihe „Spötterdämmerung“ ist Donnerstag, 29. Juni, mit Axel Hacke im Alten Rathaus.

Um ein altes Paar geht es in einem Text von Fuchs. „Liebeserklärung. Trotz grauem Star ist alles klar“ heißt der Titel, der direkt einige zum Lachen bringt. „Du schnarchst wie mein Opa geschnarcht hat“, liest Fuchs vor, und zum Schluss: „Ich liebe dich, aber du regst mich auf.“ Es ist einer dieser Texte, der witzig ist, zugleich ein bisschen traurig und trotzdem sehr schön, berührend. Ein bisschen Wut, ein bisschen Liebe, ein bisschen Pöbelromantik.

So bringen die beiden Wortkünstler im Wechselspiel Texte auf die Bühne. Gegen Ende will Fuchs einen Dialog vortragen, eigentlich allein, doch Markovic springt spontan ein. Es sprechen zwei alte Damen, die sich beschweren, dass sie einfach viel zu gesund sind. „Er muss was Gesundes gegessen haben“, sagt die eine als Erklärung dafür, dass ihr jüngerer Mann einfach nicht krank wird. Sie versuchten ja schon alles: kein Gemüse, mehr Rauchen, aber es helfe einfach nicht. Ein Drama. Aber eines zum Lachen, allein schon wegen des geglückten Zusammenspiels der beiden Künstler.

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