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Sprachkontinent des Wortspiel-Enthusiasten

Jirgl im Literarischen Zentrum Sprachkontinent des Wortspiel-Enthusiasten

Der Schriftsteller Reinhard Jirgl beschäftigt sich mit Sprache, mehr als viele seiner Kollegen das tun. In seinem Roman „Die Stille“ hat er einen neuen Sprachkontinent erschaffen. Im Literarischen Zentrum Göttingen hat er das Werk jetzt vorgestellt. 

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Inspiriert und suggestiv: der Schriftsteller Reinhard Jirgl im Literarischen Zentrum.

Quelle: Pförtner

Was wir erleben, wie wir denken, wie wir fühlen, an was wir uns erinnern und was andere von uns wissen und was wir wiederum von ihnen wissen, ist uns vor allem durch Sprache zugänglich. Und wie wir die Intensität dessen, was wir erleben, nur erhalten können, indem wir bisher Unbekanntes entdecken und erkunden, so ist es auch mit der Sprache: Sie wird stumpf durch die Schuttablagerungen des allzu Bekannten, wenn sie nicht erneuert wird. Wenn das so ist, dann war jeder der Besucher des Literarischen Zentrums ein Christof Kolumbus, der einen neuen Kontinent entdeckt hat, ein Amerika, bestehend aus einer neuen, unerhörten Sprache. Geschaffen hat diesen neuen Sprach-Kontinent der Schriftsteller Reinhard Jirgl in seinem Roman „Die Stille“, aus dem er inspiriert und suggestiv vortrug.

Jirgl operiert in seinem, in der deutschsprachigen  Gegenwartsliteratur einzigartigen Sprachfuror mit Präzision, neuartigen Vergleichen und Metaphern sowie eine alle Zeichen und Sonderzeichen der Tastatur einbeziehenden Schriftsprache, gespickt mit intelligenten und oft witzigen Wortspielen und Kalauern. Bei Jirgl heißt es eben nicht  „alte und einsame Frauen“, sondern „alte=1same Fraun“, wobei die vertikale 1 die Einsamkeit, die 1samkeit eben, graphisch abbilden soll.

Vision einer Apokalypse

Zu  Kalauern, die manche so lieben und andere so sehr hassen, bekannte sich der Autor im Gespräch mit dem Moderator und Jirgl-Kenner Helmut Böttiger auf witzige Weise: „Der Kalauer ist der Molotow-Cocktail des kleinen Mannes.“ Die „Generation“ wird beim Wortspiel-Enthusiasten Jirgl dann zur „Gene-Ration“, „virtuell“ mutiert zu „wirrtuell“ , die „millionenfache Übereinstimmung“ im passenden Kontext zu „mülljonenfache Über-1-Stimmung“.

Gelesen hat Reinhard Jirgl aus der Vision einer Apokalypse, die der schwer am Kopf verletzte Georg Heinrich Adam hat. Ein Jugendlicher aus einer Gruppe von Drogenhändlern hatte ihn mit einem Baseballschläger am Kopf getroffen, als er beim Spaziergehen  mit seinem Sohn Henry am Mainufer in Frankfurt in heftigen Streit geraten und mit dieser Gruppe zusammengetroffen war. Der Grund für den Streit zwischen Vater und Sohn ist ein dunkles Familiengeheimnis, das der Leser erfährt, wenn er die achtzig Jahre dauernde Geschichte zweier Familien in Jirgls Roman liest. Bis an die Schmerzgrenze bei den Zuhörern und darüber hinaus ging Jirgl in der grandiosen detaillierten Vision einer Apokalypse des am Hirn verletzten Vaters, bei der am Ende alles Leben auf der Erde ausgelöscht sein wird.

Ausdruckskraft

Die großartige Ausdruckskraft von Jirgls Sprache wird jedoch schon durch die ersten Sätze seines Romans deutlich: „Der Herzschlag des Nachmittages stockt, die Stunde hält den Atem an. Seit Wochen Tageundnächte versengt. Diesonne – umschleiert, grauweiß ihr Licht, schattenlos u bleifest. Himmel, ein ausgespanntes Dach aus heißem Gusseisen über Derstadt, drunter lastend schwer vergoren Ausdünstungen in einem überreifen Jahr.“

Frank Witzel 

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