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Staub aufgewirbelt und das Gewissen poliert

Kabarettist Hagen Rether zu Gast in Göttingen Staub aufgewirbelt und das Gewissen poliert

Am Ende steht sie da wie ein Mahnmal: die Sprühflasche Allzweckreiniger im Scheinwerferlicht auf dem blank polierten Schleiflack des Flügels – ökologisch korrekt ohne Treibmittel. Mit Mikrofasertuch und Sprühnebel hat Hagen Rether reinegemacht, hat mehr als eine Stunde lang geputzt und poliert, dabei schwadroniert und halblaut sinniert. Über Gott und die Welt, über Gier und Geld, über Merkel und Moral, Muslime und Mao. Letzterem hat er am Ende den Abend gewidmet. Ohne Mao als Chinesen-Bremse ginge es den Deutschen heute nicht mehr so gut, sich für 29,90 Euro in der fast ausverkauften Stadthalle dreieinhalb Stunden Hagen Rether und sein Programm „Liebe“ anzuhören.

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Reinlich auch im Denken: der Kabarettist Hagen Rether.

Quelle: Heller

Der Flügel – so kennt man ihn. Der Mann mit Pferdeschwanz – neuerdings auch mit angehendem Talibanbart – der lakonisch klimpernd bitterste Wahrheiten raushaut, dass einem schlecht werden kann – und man klatscht dazu. „Das ist nicht zum Lachen“, nörgelt er ein ums andere Mal. Wer die Sätze seziert, über die er da lacht, könnte heulen. So bitterböse die Feststellungen, die bei Rether als Pointe daherkommen. Das Lachen kann einem im Halse gefrieren. Beispiele gefällig? „Den Polanski jagen sie seit Jahrzehnten. Wenn der Priester wäre, wäre er in der Nachbarpfarrei untergekommen.“ Oder: „Den Papst fahren sie im Papamobil in Panzerglaskäfig herum, und der predigt Gottvertrauen.“ Oder: „Drogen und Alkohol, eine Aufzählung wie Fußballer und Mittelstürmer. Bei uns heißen die Drogenbarone Winzer.“ So plätschert es aus der Gedankenwelt des Kleinkunstpreisträgers und vielfach geehrten Kabarettisten dahin, ohne langweilig zu werden, während er sein Tuch immer wieder über den Lack gleiten lässt. Jede Menge Staub auf den Gewissen seiner Zuhörer wirbelt er dabei auf. Die Hausfrauen haben sich ohnehin gefragt, wieso der Flügel so erbärmlich aussieht.

Es dauert 95 Minuten, ehe der erste Ton erklingt – unvermittelt, lapidar, wie beiläufig dahingeklimpert, so wie fast alles, was der 38-Jährige so von sich gibt. Und das steigert sich in Stücke, etwa von Keith Jarrett, deren Klasse erklärt, warum Rether vor seiner Solokarriere Pianist bei Ludger Stratmann war. Und doch bleibt das Piano stets im Hintergrund, untermalt die bissigen Pointen nur. Bis hin zur plätschernden Stimmung, wenn der bekennende Vegetarier und Sitzpinkler zur tröpfelnden Musik über Letzteres sinniert. „Das ist nicht lustig“, hatte am Morgen noch ein Kabarettfreund gewarnt, dem seit Rethers Vegetarier-Lobpreisungen die Leberwurst nicht mehr schmeckt. Lustig bleibt nur der Running-Gag, was gerade wieder Überraschendes festgestellt wurde – „vom CIA“. Schallendes Gelächter! Und so strahlen am Ende, nach einem bitterbösen Vater-Unser, beim Amen doch alle Gesichter mit dem Lack des Flügels um die Wette. Und mit dem guten Gefühl, das Gewissen durch Rethers Polit-Appell aufpoliert zu haben, geht man heim. Der Lack glänzt, der Allzweckreiniger im Scheinwerferlicht beweist noch den guten Willen, und übermorgen in Erlangen sieht der Flügel wieder genauso schmierig aus.

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