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So waren die Göttinger Theatertage

Katja Riemann, Mohammad-Ali Behboudi & Co So waren die Göttinger Theatertage

Prominent besetzt waren die diesjährigen Theatertage vom Göttinger Kultursommer. So spielte unter anderem Mohammad-Ali Beboudi das emotionale Ein-Mann-Stück "Ich werde nicht hassen" und Katja Riemann hielt die musikalische Lesung "Engagement" - bei der sie von eigenen Erlebnissen bei Hilfsprojekten erzählte.

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Katja Riemann bei ihrer Lesung mit Musik.

Quelle: Heller

Appell von Katja Riemann

Göttingen. „Engagement!“ hat Schauspielerin Katja Riemann ihre Lesung mit Musik genannt, mit der sie am Sonntag  zum Abschluss der 20. Göttinger Theatertage im Deutschen Theater gastierte. Die Botschafterin der Hilfsorganisation Unicef las Geschichten und erzählte von eigenen Erlebnissen bei Hilfsprojekten.

„Das muss aufhören!“ – Katja Riemann setzt bestimmt den Schlusssatz ihres Berichts über Mädchenbeschneidungen in Afrika. Es fällt nicht leicht, nach ihren Beiträgen an diesem Abend zu applaudieren. Sehr subtil, gar nicht vorwurfsvoll und doch anklagend gibt die Schauspielerin (52) Einblick in das Leben vor allem von Frauen und Kindern anderer Kulturen. Gut, dass Stephan Udri und Konrad Hinsken die eindringlichen Texte mit musikalischen Beiträgen abschließen. Mit eingängigen Trompeten – und Klaviermelodien, von Franz Schubert bis Iiro Rantala, bildet ihr Einsatz fast eine Art Puffer zwischen den von Riemann für diesen Abend ausgewählten Stücken. Sie verstärken die Inhalte mit traurigen oder fröhlichen Melodien.

Botschafterin von Unicef

Schauspielerin Katja Riemann (52) engagiert sich für die Menschenrechte und im Kampf gegen Kinderarmut, Kinderhandel und die Beschneidung junger Mädchen in Afrika. Sie unterstützt Unicef seit 1999 und ist Botschafterin der Kinderhilfsorganisation. Auch für Amnesty International und die Organisation One ist Riemann engagiert. Sie wurde in den „Innovationsbeirat“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung berufen. Für ihr Engagement erhielt die Schauspielerin 2010 das Bundesverdienstkreuz am Bande. r

„Von Katja für das Publikum am 14.8.16“ steht auf dem Programmzettel. Dass sie die Inhalte variiert wie Hinsken am Klavier und Udri am Flügelhorn die Musik, zeigt ihr Bericht über ihre Reise nach Malta am ersten August-Wochenende. Wenn sie Selbsterfahrenes schildert, erzählt sie ohne Manuskript: Von dem Verein „Jugend rettet“, der bei seinem ersten Törn übers Mittelmeer 1400 Menschen rettete. Die Crew, junge Männer aus Deutschland, ist im selben Alter wie die Flüchtlinge. Aber diese sind „gute und schlechte Flüchtlinge“, erzählt Riemann. Wer aus der Südsahara kommt, hat kaum Chancen auf Anerkennung als Flüchtling, wer aus Syrien kommt, ist auf der sicheren Seite. Immer wieder berichtet Riemann vom Markt mit Menschen: die einen fahren den Flüchtlingen in den Schlauchbooten hinterher, um die Bootsmotoren zu demontieren, wenn die Flucht glücklich endete, die anderen holen in Moldawien oder Nepal Mädchen aus der Armut mit dem Versprechen auf gute Arbeit, die sich als Zwangsprostitution oder Sklavenhaltung als Haus- und Sexarbeiterin herausstellt – Menschenhandel.

Den drastischen Beispielen versteht Riemann entweder durch ihre Auswahl an Geschichten wie von Chimamanda Adichie oder Kader Abdolah  oder mit ihrer Erzählart auch immer eine fröhliche Anekdote hinzuzufügen. Sie weiß um das Bedrückende ihres Themenabends, den sie dem 2016 verstorbenen Publizisten und Moderator Roger Willemsen gewidmet hat. Alles ist schlicht in Szene gesetzt. Riemann geht mal erzählend auf und ab, dann wieder liest sie am Tisch vor oder  steht, vom Pianisten leise begleitet, am Klavier und trägt Shumona Sinhas „Erschlagt die Armen“ vor. Das beeindruckt und berührt noch mehr.

 „Das muss aufhören“, sagte sie bevor sie Fadumo Korns Schilderung von ihrer Beschneidung als Nomadenkind in Somalia vorlas. Der Appell gilt für alle Aspekte von Flucht und menschenverachtender Ausbeutung, die Riemann darstellte. Dass sie zwischendurch auch Artikel der Menschenrechte-Erklärung zitierte, verdeutlichte, dass sie gut klingen. Aber wo werden sie eingehalten? Mit dieser Frage entließ Riemann das Publikum. Sie erhielt viel Applaus und Bravo-Rufe für ihr „Engagement!“

Von Angela Brünjes

Mohammad-Ali Behboudi: Er will nicht hassen

Mohammad-Ali Behboudi als palästinensischer Frauenarzt.

Mohammad-Ali Behboudi als palästinensischer Frauenarzt.

Quelle: Heller

„Ich werde nicht hassen,“ schwört sich der palästinensische Frauenarzt Izzeldin Abuelaish, als Israelis bei einem Panzerangriff auf sein Haus seine drei Töchter und eine Nichte töten. Stehenden Applaus erhielt Mohammad-Ali Behboudi bei den Göttinger Theatertagen für seine Interpretation des Ein-Mann-Stücks.

„Ich werde nicht hassen“ ist der Titel von Dr. Abuelaishs 2010 erschienenen Autobiographie. 220 Zuschauer sahen im Deutschen Theater die preisgekrönte Monologfassung für die Bühne von Ernst Konarek (Regie) und Silvia Armbruster (Dramaturgie).

Bildung, nicht Gewalt; Dialog, nicht Vergeltung sind die Antworten auf erlittenes Unrecht. Das erkennt Abuelaish schon als Junge in einem Flüchtlingslager im übervölkerten Gaza-Streifen, heißt es in dem Stück. Dieser Überzeugung bleibt der Palästinenser treu. Sein Wunsch, Brücken der Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern zu bauen, scheint jedoch nicht in Erfüllung zu gehen. Immerhin eröffnet ihm sein Bildungsehrgeiz eine Karriere als Professor in Kanada. Dort lebt er heute mit seinen fünf überlebenden Kindern.

Eindringlich und in vielen Details schildert das Stück die demütigenden Schikanen, die Palästinenser unter israelischer Herrschaft zu erdulden haben. So lassen israelische Soldaten und Geheimdienstmitarbeiter Abuelaish stundenlang an Checkpoints zappeln, schicken ihn hin und her, während dieser in Sorge um seine im Sterben liegende Frau fast verrückt wird. Der Beamer zeichnet die Odyssee auf der Leinwand nach.

Abuelaish äußert auch Kritik an der palästinensischen Seite. Ihn entsetzt, dass die Hamas eine seiner Patientinnen als Selbstmordattentäterin nach Israel schicken wollte. An einem Checkpoint wurde sie gefasst. Sie sollte sich in einem israelischen Krankenhaus in die Luft sprengen. Dort hatte ihr Abueleish, der als erster Palästinenser in einer Klinik in Israel arbeiten durfte, eine Behandlung ermöglicht.

Behboudi kommt mit wenigen Requisiten aus. An dem Pult aus Plexiglas steht er selten. Er setzt seinen Monolog in Szene, streichelt einen Teddy, tanzt zu orientalischer Musik, rezitiert auf Arabisch aus dem Koran. Ein Leinentuch markiert die Größe des Raumes, in dem eine palästinensische Großfamilie in einem Flüchtlingslager lebt. Einen Stuhl tritt der Schauspieler um, als israelische Panzer das Haus dem Erdboden gleichmachen. Der letzte Satz, „Es ist Zeit, sich hinzusetzen und miteinander zu reden“, schwingt lange in der Stille nach. Ein großartiges Stück.

Von Michael Caspar

Thomas Sarbacher: Leiden an der Armut

Thomas Sarbacher liest bei den Theatertagen in Göttingen arabische Geschichten.

Thomas Sarbacher liest bei den Theatertagen in Göttingen arabische Geschichten.

Quelle: Heller

Unter dem Motto „Migration und Menschlichkeit- eine Gesellschaft verändert sich“ stehen die Göttinger Theatertage 2016. Am Sonnabend präsentierte der Schauspieler Thomas Sarbacher im gut besuchten Deutschen Theater eine Auswahl arabischer und afrikanischer Geschichten aus der Sammlung „Zu Besuch".

Sarbacher, in Hamburg geboren, heute in Zürich lebend, hat im Sommer 2015 begonnen, nach Texten für eine Lesung mit Geschichten aus Arabien, Afrika oder Syrien zu suchen. Es habe ihn gestört, dass von den Flüchtlingen immer nur als Masse oder Welle gesprochen wurde. Er wollte ihnen ihre Individualität zurück geben. Bewusst hat er sich eher für Alltagsgeschichten entschieden, um einen Eindruck vom Leben zu geben, das dort stattgefunden hat. Ein Problem bei seinem Vorhaben ist die Verfügbarkeit der Literatur gewesen. Vieles gerade aus afrikanischen Ländern ist nicht ins Deutsche übersetzt. Viele hervorragende Texte findet man aus Ägypten, wenig aus Eritrea oder Syrien. Und vieles sind Klassiker aus der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Gekonnt, professionell, warmherzig und lebendig liest der Schauspieler berührende Geschichten über das Leiden an der Armut, der Sehnsucht nach einem normalen Leben, den Glauben an Mythen, über Einsamkeit und Erniedrigung. Liest von einem Jungen, der seine Mutter nicht kennt, den der Vater bei der Großmutter zurückgelassen hat. Der sich so allein gelassen fühlt, dass „selbst die Tränen sein Leid nicht ausdrücken können“. Er liest von einem alten Scheich im Sudan, dessen Erwachsenenleben mit der Pflanzung einer jungen Dattelpalme so erfolgreich begann. Reichtum schenkte ihm die Palme, ermöglichte ihm den Aufbau einer Schafherde. Die Dürre aber hat ihm dann seine Schafe, fast seinen ganzen Besitz genommen. Völlig verarmt entscheidet er sich trotz großer Versuchung diese Palme nicht zu verkaufen. Und findet so sein Glück wieder. Sarbacher liest vom Palästinenser, der sein Land an einen Juden verkauft und damit Unglück über sich und seine Pächter bringt. Er hat den Wert nicht verstanden, den das Land für die Bauern hatt.

Eine schöne Lesung. Schade nur, dass es an diesem Abend nicht geplant war, Fragen aus dem Publikum zuzulassen. Eine Geschichte weniger und noch ein paar Sätze von Sarbacher hätten den Abend abgerundet.

Von Christiane Böhm

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