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Szenische Lesung „Götz & Meyer“ im Lumière Göttingen

Von Gott verlassen Szenische Lesung „Götz & Meyer“ im Lumière Göttingen

Die Geschichte zweier unbedarfter Unteroffiziere der SS im Nationalsozialismus war das Thema der szenischen Lesung „Götz & Meyer“ am Freitagabend im Göttinger Lumière. Zum 77. Jahrestag des Novemberpogroms 1938 präsentierte das Bündnis Redical M in Kooperation mit ver.di Göttingen, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Göttinger Theaterkeller die Lesung, basierend auf dem Roman von David Albahari.

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Die Geschichte zweier unbedarfter Unteroffiziere der SS im Nationalsozialismus war das Thema der szenischen Lesung „Götz & Meyer“ am Freitagabend im Göttinger Lumière.

Quelle: Heller

Göttingen. „Manchmal stelle ich mir vor, dass ich statt in einen Lastwagen in einen Jagdbomber steige“, sagt Götz (Jörg Pohl), Fahrer eines großen LKW Typ „Saurer“, einmal auf einer der täglichen Fahrten von Belgrad ins wenige Kilometer entfernte Jajinci.

Tagträume, die liebe Familie, die Landschaft – Götz und sein Beifahrer Meyer (Denis Moschito) haben sich viel und gleichzeitig nichts zu erzählen. Für sie ist es alltägliche Routine, kurz nach Antritt der Fahrt noch einmal anzuhalten, um mechanische Vorkehrungen zu treffen. Infolgedessen werden die Abgase aus dem Auspuff des LKW direkt zu ihrer „Ladung“, rund 100 Juden, geleitet.

Am Zielort angekommen, tragen serbische Kriegsgefangene die Leichen fort, bevor auch sie erschossen werden. 
„Götz und Meyer fahren. Das ist ihre Aufgabe. Es ist ihnen völlig egal, ob sie Juden oder Zuckerrüben transportieren“, erfährt man von der Erzählfigur (gelesen von Pheline Roggan).

Gerade darin liegt die inhaltliche und schauspielerische Brillanz des Stückes. Es gibt keine Spur von trübseligen Gedanken angesichts der Gräueltaten, die Götz und Meyer als Teil eines hoch bürokratisch und effizient organisierten Systems des Mordens tagtäglich vollbringen. 

Der Appetit vergeht den beiden allein, wenn der Proviant nicht schmeckt oder die Routine unterbrochen wird. „Da hat uns Gott aber wirklich verlassen“, jammert Götz, als dem von beiden Männern innig geliebten Saurer die Achse bricht.

So nüchtern und unbeeindruckt die zwei ihrer Arbeit nachgehen, so eindringlich und berührend kommt der Erzähler daher. Der Belgrader Lehrer spricht von „Seelen“, nicht, wie die beiden Fahrer, von „Ladung“, wenn er, an einem kleinen Tisch sitzend, als Hinterbliebener von seinen durch die SS getöteten Verwandten erzählt. Zunächst als Leserin des Romans Albaharis, später als Verkörperung des Erzählers konfrontiert Schauspielerin Roggan das Publikum mit Geschehnissen jener Tage, die der Lehrer recherchiert hat.

Zynismus, Mitleid, Wut: All diese Emotionen kann Roggan ins bloße Lesen der Zeilen legen. Immer wieder schaut sie dabei ins Publikum, wissend, warnend. Pohl und Moschito, neben ihr in einer Fahrerhaus-Attrappe sitzend, liefern in ihrer Banalität tragische Dialoge, die die Quintessenz der Grausamkeit dieser Geschichte exemplifiziert: Niemand fühlt sich schuldig, es gibt nichts Böses im alltäglichen Tun. 

Das Trio liefert auf der Bühne eine 80-minütige Vorstellung, eine künstlerische Art der Erinnerung, die wahrlich bewegt, im Kopf bleibt und von den Zuschauern mit starkem Applaus gewürdigt wird. 

Von Katharina Kilburger

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