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Freundschaft unter Feinden

„Mein Kampf“ am Deutschen Theater Freundschaft unter Feinden

„Mein Kampf“ klingt besser als „Mein Lebenslauf“ findet Schlomo Herzl und tauft seine Memoiren auf diesen Namen. Komisch, ernst und punktgenau übertrieben hat Regisseurin Lucia Bihler das gleichnamige Theaterstück von George Tabori am Deutschen Theater Göttingen inszeniert.

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Die Schauspieler Felicitas Madl, Florian Donath und Bardo Böhlefeld in ihrem Element.

Quelle: R

Göttingen. Der abgewiesene Kunststudent Adolf Hitler (Florian Donath) verrät dem Juden Schlomo seine geheime Ambition: „Die Welt.“ Aber von dieser Welt versteht er wenig, deshalb will er sie auch umformen. Quadratisch wie ein Würfel soll sie sein, damit man unliebsame Menschen von den Seiten runterschubsen könne.

Und um die Schwerkraft wolle er sich auch noch kümmern. Absurd und wahnwitzig sind Hitlers Ideen, den man in seinem roten, mit kleinen Terriern verzierten Pullöverchen eigentlich nur belächeln möchte. Doch freies Lachen stellt sich im Publikum nie ein. Ein Stück über Hitler lässt sich eben nicht unbefangen gucken. Wenn der Scherge Hitlers (Frederik Schmid) das Schlachten eines Huhns in blutigen Details erzählt, dann denkt wohl niemand an ein Huhn.

Der größte Witz des Stücks von 1987 ist die Begegnung und Freundschaft von Täter und Opfer. Alles was ihm zum Aufstieg verhilft, verdankt dieser Hitler, den Florian Donath sehr treffend als verklemmt und unbeholfen parodiert, dem jüdischen Bücherhändler. Rhetorik, Frisur, Berufswahl - immer kommt der entscheidende Hinweis von dem pfiffigen Schlomo, den Bardo Böhlefeld mit schalkhaftem Blick spielt.

Kostüm und Maske (Josa Marx) unterstützen das Groteske an dieser Farce und lenken die Aufmerksamkeit auf die pointierten Dialoge. Die schwarz-weiße Schmincke verleiht den Darstellern etwas mimenhaftes. Das reduzierte Bühnenbild, ein weißer Würfel, der gleichzeitig als Leinwand dient, tut sein Übriges, um das überzeugende Schauspiel in den Mittelpunkt zu rücken. Wie die Dialoge eröffnet auch das Bühnenbild mehrere Ebenen, auf denen sich das Stück lesen und verstehen lässt. Durch Spiegel und Videoeinspielungen wird der Raum verdoppelt und das Innere nach außen gekehrt.

Schlomos Fürsorge rettet ihn nicht nach dem Aufstieg und der Radikalisierung seines Protegés. „Tut’s dir weh?“, fragt Gott (Lutz Gebhardt) Schlomo, nachdem Hitlers Schergen ihn gefoltert haben. Schlomo antwortet: „Nur wenn ich lache.“

Die nächsten Vorstellungen: 10., 15. und 19. Oktober im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 0551/496911.

Von Jorid Engler

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