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Tageblatt-Interview mit Literaturwissenschaftler Heinrich Detering

Interview Tageblatt-Interview mit Literaturwissenschaftler Heinrich Detering

Der Göttinger Literaturwissenschaftler Prof. Heinrich Detering wird am Montag, 30. März, mit dem Leibniz-Preis 2009 ausgezeichnet werden. Er erhält den mit 2,5 Millionen Euro höchstdotierten deutschen Wissenschaftspreis für seine Leistungen auf dem Gebiet der Literaturwissenschaften. Angela Brünjes sprach mit Detering über seine Disziplin und seine Pläne.

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„Mit vielen Themen längst noch nicht fertig“: Heinrich Detering.

Quelle: Heller

Tageblatt: Sie sind nicht der erste Geisteswissenschaftler, der den Leibniz-Preis erhält, aber der erste Göttinger Geisteswissenschaftler nach einer Reihe von Naturwissenschaftlern. Lässt das den Schluss zu, dass hier und generell die Geisteswissenschaften im Aufwind sind?

Detering: Ich habe den Eindruck, dass jedenfalls die Reputation der Geisteswissenschaften sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Forschungspolitik zugenommen hat. Mir scheint, dass das sogenannte Jahr der Geisteswissenschaften dabei eher ein Schritt in dem Prozess war als der Auslöser. Ein Teil dieses Prozesses, die Geisteswissenschaften als gleichwertige Disziplin anzuerkennen, ist vielleicht auch, dass ein Literaturwissenschaftler mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet wird.

Haben die Geisteswissenschaften sich verändert?

Es hat eine Entspannung gegeben, was das Selbstverständnis der Geisteswissenschaften im Hinblick auf die Öffentlichkeit angeht. Dieser Prozess ist schon vor einigen Jahrzehnten in Gang gekommen. Es hat etwas gedauert, bis er wahrgenommen worden ist, und er ist nun in Fahrt gekommen. 

Ein Beispiel dafür in der Germanistik? 

Hier ist es die wachsende Bereitschaft, sich auch an nicht fachorientierte Leser zu wenden, wissenschaftliche Beiträge so zu gestalten, dass sie interessierten Laien zugänglich sind. Man denke etwa an die „Faust“-Ausgabe des Göttinger Germanisten und meines Lehrers Albrecht Schöne. Ich habe selten erlebt, dass ein so philologisch gründliches, akribisches Werk ein solches Erdbeben in der literarischen Öffentlichkeit ausgelöst hat. Da redete man auf einmal von Goethes „Faust“ wie von einer aufregenden Neuerscheinung.

Wie ist Schöne vorgegangen?

Ihm ist ein philologischer Kommentar gelungen, der allen Regeln der Kunst folgt. Gleichzeitig ist er so beschrieben, so komponiert, dass jeder, auch wenn er sich gar nicht für die philologischen Details interessiert, einen Zugang findet zu diesem Hauptwerk der deutschen Literatur.

Schöne war von 1960 bis 1990Professor in Göttingen, und Sie waren sein letzter Assistent. Was bedeutet das für Sie?

Für mich war Albrecht Schöne und wie er das Fach Germanistik betrieben hat, von Anfang an Vor- und Leitbild.

Hat der Wandel der Germanistik mit den handelnden Personen zu tun?

Natürlich. Germanistik ist eine Wissenschaft von Lesern für Leser. Wenn sie das vergisst, vergisst sie ihren Auftrag. Und es hat in Bezug auf die zu untersuchenden Gegenstände eine Entspannung gegeben. Wir leben nicht mehr in der Welt nach 1968, in der man sich entweder für Goethe und Thomas Mann interessierte oder für Bob Dylan. Ich bin keineswegs der einzige, der sich sowohl für die großen Künstler der Popularkultur als auch für die großen Traditionen interessiert. Im Gegenteil, ich versuche, das miteinander ins Gespräch zu bringen. 

Bob Dylan, 1941 geboren und  derzeit wieder auf Tournee, gilt als einer der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts, ist auch Maler und Dichter. Was macht ihn für einen Wissenschaftler interessant?

Bob Dylan kann man meiner Meinung nach nur angemessen verstehen, wenn man einiges weiß über die Tradition der amerikanischen und europäischen literarischen Moderne. Umgekehrt kann man Dylan aber auch nicht verstehen, wenn man nicht auch etwas über Elvis Presley weiß. Dylan ist wohl auch deshalb einer der großen Künstler unserer Zeit, weil in seinem Werk die großen Ströme von Popularkultur und Bildungskultur zusammenkommen. Ich gehöre sicher zu der Generation derjenigen, die in diesem Bewusstsein aufgewachsen sind. Also, für mich sind Thomas Mann und Bob Dylan nie Alternativen gewesen, sondern im Hinblick auf ihre Bedeutung immer Nachbarn. 

Wie kommt es, dass sich ein Germanist mit Bob Dylan und Elvis Presley beschäftigt?

Ich bin schließlich auch Komparatist. Auch das ist vielleicht für die Generation unserer Lehrer und erst recht für meine eigene Generation charakteristisch: dass wir uns eine Germanistik als reine „Nationalwissenschaft“ gar nicht mehr vorstellen können, sondern immer in weltliterarischer Perspektive. Auch das haben uns Lehrer wie Albrecht Schöne und Karl Stackmann beigebracht.

…und was ist aus Ihnen geworden?

Ich bin ein Komparatist mit einem klaren Schwerpunkt in der deutschen Literatur.

Bedeutet die Internationalität der Germanistik, dass Wissenschaftler sich über sie vorwiegend in englischer Sprache austauschen?

Darüber habe ich mal eine Abhandlung „Warum sollten Germanisten deutsch sprechen?“ geschrieben. Ich bin überzeugt davon, dass man die Auseinandersetzung mit einer Literatur ernstlich nur in deren eigener Sprache führen kann. Das heißt, wer Andersen wirklich lesen will, muss dänisch lernen. Wenn diese einfache Regel in Vergessenheit gerät, dann verlieren wir ganz viel Substanz, und diese Gefahr gibt es in den Literaturwissenschaften ganz ernsthaft.

Können Sie damit leben, dass Deutsch als Wissenschaftssprache an Bedeutung verliert?

Dort, wo Sprache eine reine Mitteilungsform hat, ist es richtig, eine Lingua franca zu gebrauchen, und man darf froh sein, dass Englisch diese Verständigungssprache ist. Es gibt aber Fächer, das sind die philologischen, in denen die Sprache, in der man über seinen Gegenstand schreibt, zum Gegenstand gehört. Unser Schreiben ist immer Antwort in einem Dialog. Da spielt dann auch die sprachliche Formulierung unserer eigenen Texte eine zentrale Rolle. Sie ist nicht bloß der Zuckerguss, mit dem wir eine Pille an Informationen über Sachverhalte überziehen.

Zuckerguss: So versüßt der Leibniz-Preis nun Ihre wissenschaftliche Arbeit. Neben der Wertschätzung ermöglicht das Preisgeld finanziell einen Spielraum, der für Sie neu sein dürfte. Wofür werden Sie das Geld verwenden?

Darüber denke ich seit der Bekanntgabe im Dezember nach. Ich werde nicht versuchen, ein Megaprojekt auf die Beine zu stellen. Stattdessen will ich für die verschiedenen Interessen, für die mir in den letzten Jahren die Mittel fehlten, handliche, kleinere Projekte zuschneiden mit denen ich möglichst viele begabte junge Leute fördern kann. 

Welchen Inhalt werden die Projekte haben?

Zum einen wird es um Editionsvorhaben gehen, so zum Beispiel um den heute weithin vergessenen Christian Wilhelm Dohm. Dieser Autor der Spätaufklärung hat als erster Deutscher über die Emanzipation der Juden am Ende des 18. Jahrhunderts geschrieben. Im Umkreis dieser Schrift hat er vieles über Religion und Toleranz geschrieben. Ein wunderbarer Mann, dessen Schriften in Auswahl und mit einem guten Kommentar ich gerne wieder edieren möchte zusammen mit einem Historiker. Und dafür brauchen wir ein paar Leute, die uns helfen. Und in dieser Art weitere kleinere Editionsvorhaben.

Gibt es auch neue Begrifflichkeiten zu untersuchen?

Ja, das ist etwa der große Bereich, der unter dem Schlagwort „Kunstreligion“ in den Kulturwissenschaften diskutiert wird. Es geht also um Überschneidungsphänomene zwischen Kunst und Religion von der Klopstock-Zeit über die Romantik und die diversen Strömungen der Jahrhundertwende bis hin zur Popkultur. Das ist ein komparatistisches Projekt, an dem ich mit Doktoranden und mit Kollegen aus benachbarten Fächern schon seit einiger Zeit zusammenarbeite und künftig intensiver arbeiten möchte.

Was beschäftigt sie außerdem?

Und für das dritte Thema ist die Initialzündung schon in Form einer Tagung erfolgt: Es geht um Geschichtslyrik, um Geschichtserfahrung, -theorie, -reflexion in lyrischer Dichtung. Und ein vierter Forschungsbereich ist das, was ich mit einem Arbeitstitel die „Erfindung der Ökologie in der Literatur“ nenne. Schon seit vielen Jahren arbeite ich mit der Hypothese, dass die Ökologie als Wissenschaft im 18. und 19. Jahrhundert nicht nur in den Naturwissenschaften entwickelt worden ist, sondern dass die Literatur mit ihren narrativen Experimenten wesentlich dazu beigetragen hat, ökologisches Denken zu entwickeln – in Texten von Autoren wie Linné, Goethe, Andersen, Dickens oder Wilhelm Raabe.

Der Leibniz-Preis soll junge Wissenschaftler fördern. Verstehen Sie sich als solcher?

Ich werde in diesem Jahr 50. Nein, ich sehe mich nicht mehr als jungen Wissenschaftler. Aber der Preis hat mir auf wunderbare Weise klar gemacht, dass ich mit vielen Themen längst noch nicht fertig bin. Und die kann ich nun angehen, indem ich zu Kollegen reise, sie zu Tagungen oder Workshops einlade, oder indem ich junge Leute in Forschungsvorhaben einbeziehe.

Wir Ihre Form der Förderung von Nachwuchswissenschaftlern aussehen?

Ich habe einige exzellente Mitarbeiter hier. Und in Göttingen gibt es, wie ich finde, gute, ungewöhnlich gute Absolventen. Immer wieder habe ich das Problem gehabt, dass ich sehr gute Absolventen ziehen lassen muss. Nun kann ich Stipendien an Doktoranden vergeben und Stellen für Nachwuchswissenschaftler ausschreiben.

 

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie ihre eigene Studienzeit in Göttingen mit der ihrer heutigen Studenten vergleichen?

Wir Germanistikstudenten damals waren ein wunderbarer Club. Wir haben nicht zuletzt auch viel voneinander gelernt. Das war eine ideale Studienzeit. Heute scheint mir das Studium oft allzu verschult zu sein und zu wenig Freiheit für eigene Entdeckungen zu lassen.

Was hat sich an dem Studienort Göttingen geändert?

Ich habe den Eindruck, dass die Studenten im Augenblick nach Göttingen kommen, weil es Göttingen ist, nicht bloß weil es zufällig in der Nähe des Heimatortes liegt. So sollte das weitergehen. Ich finde es gut, wenn Göttingen ein Anziehungspunkt für gute, begabte Studenten wird, auch international. So gibt es auch in unseren Fächern zunehmend auch ausländische Doktoranden, und das gehört zum neuen, internationalisierten Göttingen. Das gefällt mir.

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