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Tageblatt-Interview mit Marc Sahr: "Der Rock'n'Roll ist tot"

Wise Guys gastieren in der Göttinger Lokhalle Tageblatt-Interview mit Marc Sahr: "Der Rock'n'Roll ist tot"

Sie haben 13 Alben veröffentlicht, sieben Mal die Top 10 geknackt und 15 Goldene Schallplatten eingeheimst. Die Rede ist von den Wise Guys. Das Kölner Quintett steht sogar im Guinness-Buch der Rekorde für das größte A-cappella-Konzert überhaupt und zieht pro Jahr über 100.000 Konzertbesucher an: Familien, Teenager, Rentner und sogar ganze Fußballvereine. Und dennoch fällt im Zusammenhang mit A-cappella-Musik immer noch das Wort „uncool“. Mit ihrem Album „Läuft bei euch“ versuchen die Wise Guys jetzt diesem Eindruck entgegenzuwirken. Die Fragen an Bariton Sari alias Marc Sahr stellte Olaf Neumann

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Auf Tournee mit Station in Göttingen: Marc Sahr, Nils Olfert, Andrea Figallo, Eddi Hüneke und Daniel Dickopf (von links).

Quelle: EF

Sari, in „Der Rock’n’Roll ist tot“ beklagen Sie, dass dieser einst provokante Musikstil ausgesaugt sei. Womit kann man heute noch provozieren?

 Der Rock’n’Roll war eine Sache der Jugend: sich auflehnen gegen die ältere Generation. Wir haben inzwischen alle selbst Kinder, da heißt, wir sind diese Generation. Der Song ist ein Appell an Menschen, die heute aufwachsen und für die das Internet etwas völlig Normales ist. Sie sollen sich ihren Rock’n’Roll, ihre eigene Ausdrucksform suchen und nicht alles kritiklos akzeptieren, was ihnen die Alten vorgeben. Der eine grenzt sich mit Musik von den Eltern ab, der andere vielleicht mit etwas völlig anderem. Jugendliche sind heute nicht mehr auf einen Musikstil festgelegt.

Hat A-Cappella-Musik etwas Rebellisches an sich?

Die A-Cappella-Musik ist für uns kein Auflehnen gewesen. Einige von uns sind eher zufällig bei ihr gelandet, andere haben sie bewusst als Ausdrucksmittel gewählt. Schon in der Schulzeit haben wir alle gern gesungen und konnten das auch leidlich gut. Der Zufall wollte es, dass wir damit entgegen unserer Erwartungen sehr erfolgreich wurden. Und zwar so erfolgreich, dass wir daraus einen Beruf machen konnten.

Und als Teenager - gegen wen oder was haben Sie da rebelliert?

Meine Eltern sagten mir einmal, ich sei in meiner Pubertät kaum aufmüpfig gewesen. Die wildeste Auseinandersetzung zwischen meiner Mutter und mir war der Streit ums Zimmeraufräumen. Sie drohte damit, mir jeden Tag eine Mark von meinem Taschengeld abzuziehen, wenn ich nicht aufräumen würde. Ich hatte mir aber nebenher unter anderem mit Musik schon etwas dazuverdient, so dass ich meiner Mutter nach kurzem Überlegen sagte: „Du, dann zieh mir doch mal jeden Monat 30 Mark ab und dann braucht dich mein Zimmer gar nicht mehr zu interessieren!“ Ab dem Zeitpunkt war das Thema vom Tisch.

Auf welche Weise haben Sie als Schüler Geld verdient?

Teilweise schon mit unserer heutigen Gruppe, die nach dem Abi Wise Guys hieß. Wir machten in Fußgängerzonen Straßenmusik, damals spielten Eddi und Dän neben dem Gesang noch Gitarre. An einem guten Nachmittag kamen für jeden von uns schon mal 50 Mark zusammen. Während meines Studiums sind wir dann für Hochzeiten und Geburtstage gebucht worden.

Sind Sie heute für Ihre Kids eine Art Idol, ein Held?

Das sagt mein Ältester so nicht, aber er ist schon stolz auf mich. Das merkt man, wenn er mal mit Freunden zu einem großen Konzert von uns kommt und dann auch hinter die Bühne darf. Dann sonnt er sich so ein bisschen in unserem Erfolg, und das gönne ich ihm auch.

Was möchten Sie an Ihre Kinder weitergeben?

Ich versuche, meinen Kindern die Musik näher zu bringen. Mein Ältester kommt langsam in die Pubertät. Er läuft die ganze Zeit mit seinem Handy und Kopfhörern im Ohr rum und hört leise Musik. Ich weiß gar nicht, was genau er da macht. Hört er jetzt Musik oder ist er ständig am What’s-appen? Ich könnte besser damit umgehen, wenn ich wüsste, dass er laut Musik hört.

Apropos Lautstärke: Rock’n’Roll pustet die Ohren frei, macht diese aber auf Dauer auch kaputt. Leben A-cappella-Musiker gesünder?

Jein. A-cappella ist kein Genre, sondern eine Darbietungsform. Wir machen Popmusik, aber wir können auch laut. Wir wollen das manchmal sogar. Wenn wir in Hallen auftreten, ist das nur eine Frage der Technik.

Wenn man Ihren Liedern zuhört, scheint es oft genug fast unglaublich, dass all diese Sounds lediglich mit Stimmen gemacht werden. Ist das wirklich alles 'echt', oder werden in der Nachbearbeitung manchmal Instrumente hinzugemischt?

Effekte benutzen wir natürlich schon, aber der Grundstoff auf diesem und dem letzten Album ist a cappella von uns eingesungen. Die Effekte können heutzutage so verfremdend sein, dass man die Stimme am Ende gar nicht mehr wieder erkennt. Vor ein paar Jahren haben wir das Projekt „Zwei Welten“ gemacht. Der erste Teil wurde von uns a cappella eingesungen und der zweite Teil kam zusätzlich mit Instrumenten daher.

Schauen Sie immer, was man noch machen kann, was andere noch nicht gemacht haben?

Wir haben uns in unserer Karriere kaum an anderen A-cappella-Gruppen orientiert. Wir suchen nicht generell nach dem Neuen, sondern eher nach etwas, was wir noch nicht gemacht haben.

Wie haben Sie sich mit dem neuen Album weiterentwickelt?

„Läuft bei euch“ enthält viele Songs, die den Zeitgeist reflektieren. Zum Beispiel ein Lied zum Thema Mobbing. Wir sind reifer geworden und haben mehr Mut zu ruhigen Songs und ernsten Themen gefunden. Ganz früher stand bei uns immer der Klamauk im Vordergrund. Heute machen wir Popmusik und füllen große Bühnen. Ein paar Elemente von unserer Kleinkunstphase sind aber noch erhalten, wir haben zum Beispiel sehr unterhaltsame Moderationen.

Der Song, der sich mit Mobbing beschäftigt, heißt „Tim“ Gab es den Jungen, der sich in dem Lied umbringt, wirklich?

Ja, das Thema dieses Songs ist durch die Presse gegangen. Es gab tatsächlich einen Jungen, der sich umgebracht hat, weil er gemobbt wurde. Das inspirierte unseren Bandkollegen Dän dazu, darüber einen Song zu schreiben, was nicht leicht ist. Auch wurden wir auf dieses harte Thema immer wieder von Konzertbesuchern angesprochen, weil es sie oder ihre Kinder besonders beschäftigt hat.

Das Lied „Gaffen“ kommt mit schwarzem Humor daher. Darin geht es um Gaffer bei Unfällen. Wie voyeuristisch ist unsere Gesellschaft?

Feuerwehrleute, die bei solchen Unfällen manchmal erste Hilfe leisten, bedankten sich bei uns für dieses Lied. Sie sagten, es beschreibe genau die Situation, die sie oft vorfänden. Sie kommen mit ihrem Fahrzeug manchmal gar nicht durch vor lauter Gaffern. Einmal sei deshalb sogar ein Mensch verblutet. Unser Lied verpackt das Thema ein bisschen humoristisch, weil wir nicht mit dem erhobenen Zeigefinger singen. Aber vielleicht hat es ja trotzdem einen kleinen Effekt.

Für viele ist Voyeurismus das Erregendste überhaupt. Spüren Sie als Popstars die Promigeilheit der Gesellschaft am eigenen Leibe?

Zum Glück nicht. Ich führe das auf die Nähe zurück, die wir zu unserem Publikum pflegen. Nach unseren Konzerten suchen wir immer das Gespräch mit den Leuten. Man kennt uns überhaupt nur durch unsere Konzerte, weil wir im Radio selten gespielt werden. Ich glaube, der Promikult hat viel mit Unnahbarkeit zu tun. Wir bauen erst gar keine Distanz auf, deshalb kriegt auch keiner einen Schreikrampf, wenn wir in Köln über die Straße gehen.

Liegt es auch daran, dass A-cappella-Musik von den Zeitgeist-Medien als eher uncool angesehen wird?

Wir erfahren auf unseren Konzerten, dass wir wirklich alle Generationen ansprechen, aber die Medien tun sich mit A-cappella-Musik schwer. Vielleicht wollen sie ja definieren, was cool und was uncool ist. Wir machen uns davon unabhängig, wir spielen ja nicht für die Medien, sondern für unser Publikum. Jeder soll selbst entscheiden, ob er uns cool findet oder nicht.

Warum werden Sie als erfolgreiche Band nur selten im Radio gespielt?

Weil wir in keine Schublade beziehungsweise kein Radio-Format passen. Wir werden hauptsächlich dann gespielt, wenn die Moderatoren Einfluss haben. Aber das geht immer mehr zurück.

Was nervt Sie gegenwärtig an der Musikbranche?

Ich finde es schade, wie gering Musik heutzutage geschätzt wird. Früher kaufte man sich eine Platte im Geschäft, heutzutage wird die Musik runtergeladen oder nur noch gestreamt. Die Vergütung für das Streamen ist dermaßen gering, dass sich viele Künstler genau überlegen müssen, ob sie mit Musik überhaupt vernünftig Geld verdienen können. Das finde ich sehr schade, weil diese Entwicklung auch die Musikkultur und Musiklandschaft beeinflusst.

Lassen Sie Ihr aktuelles Album streamen?

 Wir sind bei einem Majorlabel unter Vertrag. Wir müssen uns auf das einlassen, was diese Firma an Kanälen bietet. Mir persönlich gefällt es nicht, aber andernfalls würden große Plattenfirmen mit einer verhältnismäßig kleinen Band wie die Wise Guys keinen Vertrag machen. Es sei denn, man ist so groß wie Taylor Swift.

Wie wird Streaming vergütet?

 Ich glaube, man bekommt pro gestreamtem Lied einen Anteil von einem Kuchen. Es sind jedenfalls Bruchteile von Cents. Das kann sich nur lohnen für die ganz großen Stars, die ständig gestreamt werden. Aber die haben es eigentlich nicht nötig, und die Kleinen könnten einen Anschub am Anfang gut gebrauchen.

Wer hat Sie anfangs unterstützt?

Die Kölner Gruppe die Höhner. Deren Sänger sah uns auf der Straße spielen und lud uns als Gäste in die Kölner Philharmonie ein. Die Tipps der Höhner waren anfangs sehr hilfreich. Irgendwann wurden wir von Kleinkunstbühnen wie dem Senftöpfchen in Köln und dem Pantheon in Bonn gebucht. Wer weiß, ob wir dabei geblieben wären, wenn die nicht an uns geglaubt hätten. Allein vom Singen auf Geburtstagen und Hochzeiten entwickelt sich keine Profimusikerkarriere.

Worauf kommt es an, wenn man Profimusiker werden will?

Man muss sein Herz wirklich der Musik verschreiben und einen langen Atem haben. Und man muss bereit sein, sich künstlerisch zu verändern und sich gleichzeitig dabei treu bleiben. Wer immer nur dieselben Songs singt, dem fehlt die Substanz.

Die Wise Guys stehen seit 2001 im Guinness-Buch der Rekorde für das größte A-cappella-Konzert: 12500 Zuschauer im Kölner Tanzbrunnen. Wurde das je übertroffen?

 Ja, und zwar von uns selbst! Unser allergrößtes Konzert fand 2007 im Rahmen des Evangelischen Kirchentags auf den PollerWiesen in Köln statt. Da waren 70000 Menschen! Das dürfte das größte A-cappella-Konzert zumindest im deutschsprachigen Raum gewesen sein. Zufällig fand es an meinem Geburtstag statt. Dän hat das angesagt und dann haben mir tatsächlich 70000 Menschen ein Happy-Birthday-Ständchen gesungen! Da hatte ich wirklich Gänsehaut.

Wie oft sind Sie schon im Ausland aufgetreten?

Wir haben in London an einer deutschsprachigen Schule gesungen und sogar schon eine Tournee in den USA gemacht - unterstützt vom Goethe-Institut. Zu den Konzerten kamen überwiegend Professoren und Studierende, die Interesse an der deutschen Sprache hatten, aber es waren auch ganz normale Amerikaner da. Die haben sich köstlich amüsiert, obwohl sie kein Wort verstanden. Das war für uns ein ganz besonderes Kompliment.

Kartenverlosung: Für das Konzert der Wise Guys am Sonnabend, 21. November, um 20 Uhr in der Lokhalle Göttingen verlost das Tageblatt fünfmal zwei Eintrittskarten. Unter den Teilnehmern werden fünf Gewinner ausgelost (Rechtsweg ausgeschlossen), die die Frage "Welche Schule hat die Urbesetzung der Wise Guys besucht?" richtig beantworten. Die Lösung telefonisch mitteilen am Sonntag, 15. November, in der Zeit von 10 bis 14 Uhr unter Telefon 0 13 7/ 8 60 02 73 (50 Cent / Minute aus dem deutschen Festnetz, Preise aus dem Mobilfunknetz können abweichen).

 

Von Olaf Neumann

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