Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Tanz-Kultur-Tage in Göttingen: Das Leben von Wiktoria Delimat

„Gefangene der eigenen Erinnerung“ Tanz-Kultur-Tage in Göttingen: Das Leben von Wiktoria Delimat

13 Jahre ist Wiktoria alt, als sie 1940 von deutschen Soldaten aus ihrem Zuhause, einem großen Bauernhof in den polnischen Karpaten, verschleppt wird. Sie wird zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht.

Voriger Artikel
„I Think I Spider“-Festival in der Göttinger Musa
Nächster Artikel
Zwölfte Göttinger Gitarrennacht widmet sich der akustischen Gitarre

Hat die Geschichte ihrer Mutter Wiktoria aufgeschrieben und erzählt davon: Ute Delimat.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Über die Geschichte ihrer Mutter hat die Göttingerin Ute Delimat eine Erzählung geschrieben. Für die Tanz-Kultur-Woche hat sie zusammen mit der Tänzerin und Choreografin Marie Theres Zechiel eine Lesung mit Tanz erarbeitet.

Die alte Fechthalle, an diesem Abend fast ausverkauft, ist ein ideales Umfeld für dieses Stück, das die beiden „Gefangene der eigenen Erinnerung“ genannt haben. Tänzerin und Erzählerin sind dem Publikum immer nah. Delimat  und Zechiel verbinden Tanz und Text zu einer extrem dichten Inszenierung. Das Bühnenbild ist sparsam, aber mit symbolischer Kraft: hier der gedeckte Tisch in der Heimat, dort ein kahler weißer Tisch, der mal den Eisenbahnwaggon, mal eine Baracke darstellt.

Zehntausende Menschen mussten im Zweiten Weltkrieg zur Zwangsarbeit nach Deutschland. Wie Wiktoria wurden sie aus ihren Familien gerissen, wie Vieh beim Transport in Güterwaggons zusammengepfercht, geschlagen, gedemütigt. Das junge Mädchen arbeitet zunächst in einer Munitionsfabrik, sieben Tage die Woche, zwölf Stunden pro Tag. Irgendwann wird sie abgeholt. Nur mit dem, was sie gerade anhat wird sie zur nächsten Arbeitsstation, der Zuckerfabrik in Obernjesa, gebracht. Die jungen Frauen schlafen in Baracken, frieren und leiden Hunger.

Wunderbar grazil und verletzlich agierend

Im Dezember 1942 kommt sie zur Familie Bachmann in Eber­götzen. Für Wiktoria ein Glücksfall, hier wird sie das erste Mal wie ein Mensch behandelt, bekommt ein eigenes Zimmer, darf mit der Familie am Tisch essen. Einmal wird sie noch abgeholt, sie soll zu einem anderen Bauern. Viktoria flieht zurück zu den Bachmanns. Immer wieder müssen sie nun das Mädchen vor den Soldaten verstecken, muss der Bauer Nazis im Dorf in Schach halten. Viktoria bleibt auch nach dem Krieg bei den Bachmanns. Von ihrer Familie haben nur zwei Brüder den Krieg überlebt.

Wunderbar grazil und verletzlich agierend, setzt Zechiel die Szenen um. Ihr Kauern, Winden, ihre  Drehungen machen die Verzweiflung des Mädchens, ihre Ängste und Trauer spürbar. Delimat liest mit klarer Stimme kurze, knappe Sätze, ein wenig wie bei einer Dokumentation. Dieses  Zusammenspiel der beiden nimmt die Zuschauer gefangen. Dicht ist dieser Abend, beklemmend. Am Ende mag keiner so recht aufstehen. Nur langsam kommt wieder Bewegung in das Publikum – in dem an diesem Abend auch  Wiktoria Delimat sitzt.

Die Tanz-Kultur-Woche ist am Sonntag zu Ende gegangen. Acht Veranstaltungen hatte Judith Kara organisiert, dazu zwei Workshops, fast 800 Besucher wollten das erleben. „Das war eine runde Sache“, resümiert die Leiterin der Tanzschule Art la Danse, eine gute Mischung aus „leichten Inhalten, aber auch schweren Themen“. Eine weitere Tanz-Kultur-Woche soll es 2015 geben, „ganz bestimmt“, sagt Kara.

Von Christiane Böhm und Peter Krüger-Lenz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Milchbar im Nörgelbuff