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Tarantino dreht einen Krimi im Western-Gewand

„The Hateful 8“ Tarantino dreht einen Krimi im Western-Gewand

Ab Donnerstag läuft der neue Film von Quentin Tarantino in den deutschen Kinos. In „The Hateful 8“ pfeift Tarantino auf Genre-Zuordnungen und macht sein Ding.

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Hüttenkoller: John „The Hangman“ Ruth (K. Russell, l.) , Daisy Domergue (J. J. Leigh) und General Sanford Smithers (B. Dern).

Quelle: Universum

Göttingen . Nach etwa eineinhalb Kinostunden sagt ein Kopfgeldjäger: „Einer der hier Anwesenden ist nicht das, was er vorgibt zu sein.“ Dann fällt ein Schuss, es gibt den ersten Toten, und man wundert sich in Quentin Tarantinos „The Hateful 8“. Solche Sätze sagt ein wild aussehender Kopfgeldjäger in einem Western üblicherweise nicht, erst recht nicht, wenn er die ganze Zeit eine Frau hinter sich herzieht, die an sein Handgelenk gefesselt ist und die er gelegentlich schlägt. Solche Sätze sagen sonst Detektive in Krimis von Agatha Christie.

Tja, so ähnlich sieht es aber auch in Tarantinos achtem Film aus: Am Anfang rast noch eine Postkutsche mit sechs Pferden durch die Rocky Mountains. Schnell aber müssen Passagiere und Kutscher vor dem herannahenden Schneesturm Unterschlupf suchen. Sie landen in einer Hütte im Nirgendwo, das ist Minnies Gemischtwarenladen, vollgestopft mit Utensilien aller Art. Ein paar (andere) üble Burschen haben sich hier schon eingenistet.

Bald stellen sich Fragen: Haben sie auf die später Ankommenden gewartet? Wer kannte hier wen zuvor? Und wer steckt mit wem unter einer Decke? Draußen toben die Naturgewalten. Und drinnen entfaltet sich ein bleihaltiges Kammer- und Krimispiel im Western-Gewand. Ein Mordkomplott nimmt in Minnies Gemischtwarenladen seinen Verlauf.

So eine schräge Mischung bringt nur jemand auf die Leinwand, der als Regisseur eine Carte blanche hat. Tarantino pfeift auf Genre-Zuordnungen und macht sein Ding. Kaum ein anderer Regisseur würde so oft das Wort „Nigger“ ins Drehbuch schreiben. Kaum ein anderer würde ganz unvermutet aus dem Off sprechen und die Zusammenhänge erklären.

Acht Menschen versammelt Tarantino in der Hütte, angeführt von den Kopfgeldjägern Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) und John Ruth (Kurt Russell), dazu einen frisch bestellten Sheriff (Walton Goggins), einen Henker (Tim Roth), einen greisen General (Bruce Dern) und noch ein paar andere Revolverhelden. Dazwischen keift die malträtierte Gefangene Daisy Domergue, auf die der Galgen im nächsten Kaff schon wartet. Sie ist die eindrücklichste Figur in dieser Macho-Welt und für Jennifer Jason Leigh ein Comeback, wie es Tarantino schon manchem beinahe vergessenen Kollegen ermöglicht hat.

Es gibt etwas, was all diese Menschen vereint: Hass. Der Bürgerkrieg ist gerade vorüber, und hier müssen ehemalige Feinde, Rassisten wie Farbige, Yankees wie Konföderierte, miteinander ausharren. Die von Aggressivität getriebene US-Gesellschaft trifft aufeinander. Mord- und Totschlag sind unvermeidlich, serviert mit all der Brutalität, wie sie Tarantino mag.

Zugleich werden wir Zeuge von Slapstick-Einlagen um eine defekte Brettertür, ebenso von genauso punktgenauen wie ausschweifenden Dialogen, für die Tarantino spätestens seit „Pulp Fiction“ berühmt ist. Ein seltsamer Brief von Abraham Lincoln wird bewundert, und der Henker referiert wortgewandt über den Unterschied zwischen Selbstjustiz und Gerechtigkeit – beides endet gleich tödlich.

Zwischendurch wird die Holzhütte mal eben in Nord- und Südstaaten aufgeteilt, um das Gewaltpotenzial einzudämmen. Dem Befriedungsversuch ist erwartungsgemäß kein Erfolg beschieden, so leicht sind die verschiedenen Lager nicht zusammenzubringen. Am Ende aber müssen die beiden größten „Hasser“ eine Notgemeinschaft bilden, eine clevere Wendung bei diesem eigenwilligen Rückblick auf die Entstehungsgeschichte der USA.

Zwischenzeitlich wollte Tarantino „The Hateful 8“ entnervt im Archiv verschwinden lassen: Das Drehbuch war im Internet aufgetaucht. Nach einer Theaterlesung mit einigen der späteren Darsteller aber änderte der Regisseur seine Meinung. Glücklicherweise: Tarantino rechnet in „The Hateful 8“ auf einzigartige Weise mit der Vergangenheit seines Landes ab – und würdigt zugleich die des Kinos.

Von Stefan Stosch

„The Hateful 8“, Regie: Quentin Tarantino, 167 Minuten, FSK 16, Cinemaxx.

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