Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Ted van Lieshout liest aus „Sehr kleine Liebe“ im Göttinger DT

„Ich hatte nie Angst“ Ted van Lieshout liest aus „Sehr kleine Liebe“ im Göttinger DT

Die Stimmung ist locker, der Autor gut drauf. Es wird gescherzt bei der Lesung. Doch es braucht nur wenige Schlagworte, um beim Publikum etwas auszulösen– ein ungutes Gefühl. Als Zwölfjähriger habe er eine Beziehung zu einem erwachsenen Mann unterhalten, sagt Ted van Lieshout.

Voriger Artikel
Duo Seraphim stellt CD „A Renaissance Journey“ vor
Nächster Artikel
Skulpturen in der Duderstädter Kunsthalle HGN ab Juni 2015

Beziehung oder Missbrauch: van Lieshouts Kindheitserlebnisse.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Im Deutschen Theater (DT) erzählt der niederländische Kinder- und Jugendbuchautor von seinem Werk „Sehr kleine Liebe“, das auf Erlebnissen des Autors fußt. Mit ihm in der Runde sitzen Verlagsmitarbeiter Johannes Rieder und Übersetzerin Verena Kiefer. DT-Schauspielerin Katharina Uhland liest Passagen aus dem Werk.

„Ich habe das Buch geschrieben, weil ich es wichtig finde, über etwas zu schreiben, worüber ich etwas weiß“, sagt van Lieshout. Das Buch besteht aus Gedichten und Briefen, darunter auch ein Brief des Täters, der 25 Jahre nach der Tat um Vergebung bittet. Aber van Lieshout reagiert anders als erwartet: „Ich habe nie das Gefühl gehabt, vergeben zu müssen.“

„In der Zeit, in der ich das Buch geschrieben habe, ist das Thema Pädophilie wie ein Tsunami durch die Medien gegangen“, sagt van Lieshout. Sein Buch zeigt eine völlig andere Sicht auf dieses Tabuthema. „Ich war stolz auf das, was wir zusammen hatten“, erzählt der Autor. Als Schüler sei er gemobbt worden, sein Vater früh gestorben. Die Beziehung zu Herrn M., wie er ihn nennt, beschreibt er eher als Liebesbeziehung, in der Anerkennung und Rücksichtnahme herrscht. „Ich hatte nie Angst, er hat mir nie wehgetan“, sagt van Lieshout.

Ein neues Nachwort

Der Niederländer spricht offen über ein Thema, das viel in den Medien besprochen wurde und feste Rollenbilder zementierte. Er selbst sieht sich nicht in der Opferrolle, besteht auf seinem Recht, selbst entscheiden zu dürfen. Doch welche Rolle Herrn M. in seiner Geschichte spiele, liege nicht immer in seiner Hand: „Täter und Freund, ich muss beide Begriffe handhaben, weil mich die Gesellschaft dazu zwingt.“

Für die deutsche Ausgabe von „Sehr kleine Liebe“ hat van Lieshout ein neues Nachwort geschrieben. Das sei notwendig gewesen, weil ihn nach der Veröffentlichung in den Niederlanden Post von Pädophilen erreichte, die in ihm einen Verbündeten sahen. Sein Buch ist keine Fürsprache für die Pädophilie, keine Argumentationshilfe für Täter, sondern die Stimme eines Einzelnen, die zu einem differenzierten Umgang mit dem Thema auffordert. „Ich kann nur für mich selbst sprechen, nicht für andere“, sagt van Lieshout.

Von Daniela Lottmann

Ted van Lieshout: „Sehr kleine Liebe“, Verlag Suasnna Rieder, 56 Seiten, 13,95 Euro.
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Milchbar im Nörgelbuff