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Tenor Schlachter und Eberhardt präsentieren Schuberts „Winterreise“

Schönheit und Vitalität Tenor Schlachter und Eberhardt präsentieren Schuberts „Winterreise“

Verzweiflung, Hoffnung und Todessehnsucht: Die „Winterreise“ Franz Schuberts ist ein Wechselbad der Gefühle. Bei dem dramatischen Liederzyklus über einen Mann, der von seiner Geliebten abserviert wird, bleibt stets zum Schluss die Frage: Entscheidet er sich für den Freitod? Die Antwort hängt auch von der Interpretation der Musiker ab.

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Hochkonzentriert: Bernd Eberhardt (l.) und Mathias Schlachter.

Quelle: Heller

Göttingen. Jetzt hat Mathias Schlachter dieses Glanzlicht des Kunstliedes im Altarraum von St. Johannis gesungen.  Der Tenor unterrichtet unter anderem an der Göttinger Stadtkantorei. Begleitet wurde er am Flügel vom Kantorei-Leiter Bernd Eberhardt. Dabei boten die Künstler das romantische Werk in der von Schubert gewählten Original-Tonart.

Schlachter durchdringt das Werk mit emotionaler Tiefe. Seine schlanke Stimme erklimmt Höhen und durchschreitet Tiefen, lotet zwischen piano und forte aus. Von Lied zu Lied wechseln die Gefühle: Mal klingt seine Stimme aufgewühlt, dann sanft und fast noch glücklich. Doch die Stimmungen kippen schnell. Dann wirkt der Gesang aggressiv, oder er verfällt in einen sarkastischen Optimismus.

Eberhardt begleitet den Sänger ebenbürtig: Mit weichem Anschlag und lebendigem Spielfluss nimmt er Stimmungen vorweg, lässt Tonfolgen funkeln, bringt bewusste Unruhe in Lieder oder glättet Emotionen. Seine tiefen Töne und abfallende Melodien geben dem Werk das düstere Flair.

Voller Hingabe legen Schlachter und Eberhardt das berühmte Lied „Lindenbaum“ aus. In ihm kippt innerhalb eines Satzes das Glück in Trauer. „Die Post“ fasziniert durch die Gratwanderung zwischen irrationaler Euphorie und naiver Hoffnung. Der Zyklus endet mit „Der Leiermann“ – der vermeintlichen Begegnung mit dem Tod. Der Sänger intoniert jetzt mit zerbrechlicher Stimme und der Pianist zieht die Musik ins Mystische. Da bleibt die offene Eingangsfrage: Flüchtet der Mann nun in den Freitot? Oder findet er sich mit ewigem Trübsal ab?

An den Tod mag man an diesem großartigen Abend nicht glauben. Denn bei der mit viel Applaus bedachten Interpretation von Schlachter und Eberhardt schwingt Optimismus mit. Die Schönheit und Vitalität ihrer Musik leuchten aus der Dunkelheit und führen zum Leben zurück.

Von Udo Hinz

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