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"Terror": Premiere am Deutschen Theater Göttingen

Mit Zuschauervotum im Schirach-Stück "Terror": Premiere am Deutschen Theater Göttingen

Ist die Würde des Menschen antastbar, wenn ein Kampfjet-Pilot über Leben und Tod entscheidet? Diese Frage diskutiert Ferdinand von Schirach mit juristischem Sachverstand in seinem ersten Theaterstück. Am Deutschen Theater in Göttingen hatte am Sonnabend "Terror" Premiere. Das Publikum entschied, ob der Pilot schuldig oder unschuldig war.

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Premiere des Theaterstücks "Terror" am DT in Göttingen. Auf der Bühne (v.l.): Benedikt Kauff, Gerd Zinck, Florian Eppinger und Andrea Strube.

Quelle: Müller

Göttiigen. Steile graue neun Stufen über die gesamte Breite der Bühne. Darauf agieren sechs graugekleidete Personen: drei Juristen, zwei Soldaten, ein Hinterbliebener. Sie sprechen direkt das Publikum an, dem der Jurist und Schriftsteller Schirach in "Terror" die entscheidende Rolle gegeben hat: Die Zuschauer sind die Richter und urteilen am Ende über den Angeklagten Lars Koch. Sie werden ihre Entscheidung mit Stimmkarten fällen. Weiß steht für unschuldig, Schwarz für schuldig. 261 richtende Zuschauer hatte der Premierenabend.

Bis zum Urteil liefert Regisseurin Katharina Ramser aus Berlin einen so schlichten wie ausgezeichneten Blick auf das Geschehen im etwa zweistündigen Prozess. Hier führen die Juristen das Wort: Richterin, Staatsanwalt und Verteidiger. Andrea Strube stellt die Vorsitzende konziliant dar, die neutral agiert, ohne den ein oder anderen persönlichen Standpunkt zu verhehlen.

Florian Eppinger kommt als Staatsanwalt Nelson staatstragend rüber und wird ein Plädoyer halten, das das Gesetz und die Menschenwürde zum Prinzip erklärt. Nachvollziehbar, als Grundwert unumstößlich und dann doch fraglich, weil Paul Wenning als Verteidiger Biegler das kleinere Übel im Vorteil sieht. Das macht er schauspielerisch anwaltschaftlich versiert und dabei mit einer wenig sympathischen Überheblichkeit engagiert.

Ein Prozess mit den wesentlichen Elementen, die eine Gerichtsverhandlung haben muss, geht da über die Bühne. Die wurde von Elisa Alessi aus Zürich gestaltet. Sie gibt mit Stufen und betonenden, aber doch zurückhaltenden Kostümen der Handlung die Schlichtheit, die das Prozessgeschehen hervorhebt. Der riesige Leuchter über der Bühne sorgt für Licht im Zuschauerraum. Das Publikum wird angesprochen, verfolgt gebannt das Tribunal.

Beherrscht lässt Benedikt Kauff als Angeklagter Lars Koch anfangs die Verhandlung über sich ergehen. Aber ihn locken die Juristen mit ihren Befragungen ebenso aus der selbstsicheren Reserve wie Oberstleutnant Christian Lauterbach, den Gerd Zinck zackig sicher aufspielt und nervlich angefasst abgehen lässt. Bei den Soldaten überwiegt militärische Argumentation, die für den Hinterbliebenen unfassbar ist. Nikolaus Kühn bringt als Nebenkläger Fritz Meiser die Trauer ins Spiel und das Unverständnis darüber, dass ein Kampfjet-Pilot 164 Flugzeugpassagiere tötet, um 70000 Menschen in einem Fußballstadion zu retten.

Wie auch immer das Urteil am Ende der kommenden "Terror"-Aufführungen sein wird, die Inszenierung von Regisseurin Ramser ist mit jedem Ausgang sehenswert. Schirach hat mit seinem ersten Theaterstück, das am 3. Oktober in Berlin uraufgeführt wurde, ein Lehrstück über juristische Argumentation abgeliefert, das dem Publikum ein Urteil abverlangt und es mit dieser Rolle einbezieht. Am Sonnabend stimmten 125 Zuschauer für unschuldig, 86 für schuldig. Mit dem Freispruch urteilte das Publikum: Die Würde des Menschen ist antastbar.

Die nächsten Vorstellungen von "Terror" im Deutschen Theater in Göttingen um 19.45 Uhr am 22. und 31. Oktober, 27. November, 9. und 16. Dezember. dt-goettingen.de

Ist die Würde des Menschen antastbar, wenn ein Kampfjet-Pilot über Leben und Tod entscheidet? Diese Frage diskutiert Ferdinand von Schirach.

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