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„Terror“ feiert Premiere in Kassel

Staatstheater Kassel „Terror“ feiert Premiere in Kassel

Am Wochenende feierte Ferdinand von Schirachs „Terror“ in der Inszenierung von Patrick Schlösser im Staatstheater Kassel Premiere. Damit schafft es eine Gerichtsverhandlung auf eine Theaterbühne – mit einem Thema, das aktueller denn je ist.

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Franz Josef Strohmeier (Lars Koch, Angeklagter), Christoph Förster (Biegler, Verteidiger). 

Quelle: Klinger

Kassel. Eine Lufthansamaschine mit 164 Passagieren wird entführt. Terroristen sind im Begriff, das Flugzeug auf die Münchner Allianz-Arena zu steuern, in der knapp 70000 Menschen das Länderspiel zwischen England und Deutschland verfolgen. Dann schießt ein Kampfflieger das Flugzeug ab – alle Insassen und der Entführer sterben. Oder auch: 70000 Menschen überleben. Wie hätten Sie sich entschieden?

Der Pilot Lars Koch wird angeklagt: wegen Mordes in 164 Fällen. Und das Publikum ist nicht mehr nur Zuschauer einer Theaterinszenierung, sondern Prozessbeobachter und Richter. Gleich zu Beginn wendet sich die Vorsitzende, gespielt von Eva-Maria Keller, an das Publikum, kündigt an, dass jenes später ein Urteil fällen muss. Der Aufforderung, sich zu erheben, kommt das Publikum erst zögerlich, aber mit Gelächter nach.

Ist Lars Koch ein Held – oder ein Mörder? Ist es moralisch erlaubt, Menschenleben gegeneinander aufzuwerten, 164 für 70000? Von Schirach gibt die Frage an das Publikum ab, das an jedem Abend neu mittels Hammelsprung entscheidet.

„Terror“ ist ein Theatererlebnis, an dem die Grenzen zwischen anregendem Theaterbesuch und Gerichtsverhandlung verschwimmen. Mit einem Schmunzeln verfolgt man die kleinen Zankereien zwischen Vorsitzender und Verteidiger. Menschliche, nicht statische Charaktere, Versprecher – es sind die kleinen Details.

Sie sitzen in ihren Roben hinter ihren Tischen, auf denen Gesetzesbücher, Aktenordner und Mappen verteilt sind. Franz Josef Strohmeier als Angeklagter Lars Koch sitzt völlig beherrscht neben seinem Anwalt, lässt sich von nichts aus der Ruhe bringen – bis die Staatsanwältin das Thema Kinder anspricht, die unschuldig bei dem Absturz der Maschine ums Leben kamen.

Etwas schläfrig neben ihr sitzt Ingrid Noemi Stein als Hinterbliebene, die erst richtig aufblüht, als sie ihre emotionale Geschichte erzählt. Selbst während der Ausführungen des Zeugens Christian Lauterbach (gespielt von Bernd Hölscher), der seine Ausführungen auf technisch-komplizierte Erläuterungen abwertet, scheint sie nur körperlich anwesend zu sein. 

Das Thema „Terror“ ist aktueller denn je, zu Zeiten, in denen selbst der Papst sagt, Europa befände sich „im Krieg“ gegen die Terroristen. Erinnerungen an den 11. September werden wach, an die Anschläge in Paris und Brüssel.

Zur Urteilsbildung wird das Publikum ins Foyer geschickt. An der rechten Tür wartet der Verteidiger, an der linken die Staatsanwältin. Stimmen werden gezählt, Freispruch gegen Schuldspruch – das Urteil wird verkündet. Unter großem Gejubel, Geklatsche und einigen „Buh“-Rufen spricht das Kasseler Premieren-Publikum den Angeklagten frei. 265 Zuschauer stimmten für unschuldig, 200 für schuldig. Ganz nach dem Motto: „Im Zweifel für den Angeklagten“.

Die nächsten Vorstellungen von "Terror" im Schauspielhaus des Staatstheaters in Kassel sind um 19.30 Uhr am 23., 26. und 28. April, am 13. und 28. Mai, am 4., 15. und 17. Juni. Am 5. Juni beginnt die Vorstellung bereits um 18 Uhr. staatstheater-kassel.de.

Von Tomke Aljets

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