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ThOP-Gastspiel: Ben Everding mit „Best of Mühle“ im Göttinger [dots]

Teufel und Todsünde ThOP-Gastspiel: Ben Everding mit „Best of Mühle“ im Göttinger [dots]

Gastspiel im Gastspiel: Mit einem „Best of Mühle“ hat Autor, Schauspieler und Musiker Ben Everding im [dots] im Börnerviertel gastiert, als Gast des Theaters im OP.

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Quelle: EF

Göttingen. Die Tretmühle, die Zwickmühle und Klapsmühle begegnen uns sprachlich mitunter im Alltag, ansonsten sind Mühlen vor allem Relikte eines aussterbenden Handwerks. Mühlen sind nicht gerade en vogue. Entsprechend befremdlich kommt ein Satz wie „Wir müssen die Mühle unseres Vaters verkaufen“ daher, das Motto des kulturparodistischen Bühnenprogramms von Ben Everding.

Für den Abend hat der Parodist und Imitator vermeintlich vergessene Texte und Lieder ausgewählt. So wie sich Weltliteraten wie Goethe, Brecht und andere Autoren des Mühlen-Themas wohl angenommen hätten. Das Thema gibt es überall, verweist Everding grinsend auf „Mühlensteins Tod“ von Schiller und Borcherts „Draußen vor der Mühle“. Bei dem Mann, der sein Programm damit einleitet, dass es je nach Alkoholpegel kürzer werden oder länger dauern könnte, ist Schabernack ganz einfach Teil der Inszenierung.

Zuerst geht es mit dem bei Hannover aufgewachsenen Wahl-Wiener in die Donau-Metropole. In einem fiktiven Text von „Karl Krass“, dem Goethe Österreichs, lässt sich ein Herr gesetzten Alters auf Stammtischniveau despektierlich über Gott und die Welt aus. Dass die rechtspopulistische FPÖ in Österreich gerade „auf die 30-Prozent-Marke zusteuert“ erklärt dabei einiges.

Sprachlich geschliffener mutet hingegen ein Drama in fünf Akten von „Heinrich von Goethe“ an, mit einem Doktor, dem Teufel und einem jungen Mädchen an „Auerbachs Mühle“. Auch Schauer-Chansons gehören zum Repertoire. Begleitet von einem Stoffhund am Mini-Flügel gibt Everding ein vermeintlich spanisches Heimatlied mit viel Dramatik zum Besten. „Guarda che luna“ wird da mit „schau doch, die Mühle“ übersetzt. Das Publikum kringelt sich vor Lachen.

Der Todsünde Wollust widmet sich Everding in einem Werk, das er dem Heidedichter Hermann Löns zuschreibt und bei dem es ziemlich hoch hergeht. Eine Art „Moulin Rouge der Tierwelt“ bei dem auch hörbar „Der kleine Tierfreund“ Pate steht. Schließlich lässt Everding auch noch Bertolt Brecht ein politisch motiviertes Theaterstück inszenieren mit „Maracuja Johnny“, Soldaten, Polizisten und einer Mühle, die abgerissen werden soll.

Everding wandelt sprachlich zwischen den Welten der Literatur. Mal mit Goethescher Zunge, mal mit der Attitüde Brechts trifft er den richtigen Ton. Imitierend schlüpft er in Charaktere, treibt die Handlung voran, bringt Dramatik ins Spiel. Essend, rauchend, das Wasserglas in kräftigen Schlucken leerend, geriert sich Everding schelmisch als Enfant terrible. Exzentrisch, sarkastisch, komödiantisch, fantasievoll. Bei aller Anarchie besticht aber vor allem eines: seine Wertschätzung der Sprache und der Literatur.

Von Karola Hoffmann

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