Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
„The Sound of Music“ im Staatstheater Kassel erntet Lacher und viel Beifall

Kitschfreie Zonen „The Sound of Music“ im Staatstheater Kassel erntet Lacher und viel Beifall

Dass Maria Augusta Trapp die Rechte für  ihre Autobiographie „Vom Kloster zum Welterfolg“ für nur 9000 Dollar verkauft hat, wird die Stiefmutter von sieben Kindern nicht nur einmal bereut haben. 

Voriger Artikel
Rekonstruktion der Sammlung des Schriftstellers Remarque
Nächster Artikel
Dota Kehr und Uta Köbernick in Göttinger Musa

Lustige Familie: Gunnar Seidel (Kapitän Georg von Trapp), Karolin Konert (Maria Rainer) und das Kinderensemble.

Quelle: Klinger

Kassel. Aber auch wenn ihr dieses eine, große Geschäft sprichwörtlich durch die Lappen ging, verstand sie sich darauf, ihre angeheiratete Familie als Familienchor zu vermarkten. Zu den Fakten: Maria Rainer, als Erzieherin in einem Kloster tätig, wird in den 1920er-Jahren als Kindermädchen bei dem österreichischen Witwer Kapitän Georg von Trapp angestellt, in dessen Kinder sie sich sofort verliebt.

Laut Autobiographie ist Liebe nicht das treibende Motiv zur späteren Heirat mit deren Vater. Aber davon will man im Musical „The Sound of Music“ nichts wissen. In der Inszenierung von Philipp Kochheim und unter der Musikalischen Leitung von Alexander Hannemann hatte die rührselige Geschichte um die Macht der Musik nun Premiere im Staatstheater Kassel.

Kultstatus – vor allem in Amerika – erlangte das 1959 in New York uraufgeführte Musical vor allem durch die Verfilmung aus dem Jahr 1965. In diesem Bühnenwerk mit den zu Herzen gehenden Liedern von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein blüht nicht nur das Edelweiß sondern auch die (nationalen) Klischees. Das ist auch in dieser Inszenierung der Fall.

Novizin mit zweifelhaftem Betragen im Kloster

Die ungestüme Maria (überzeugt mit Natürlichkeit und Sopranstimme: Karolin Kunert) bringt mit ihrer offenen Art und ihrer Gitarre frischen Wind und wieder Musik ins Haus des strengen, verhärmten Kapitäns (Gunnar Seidel), der seine Kinder drillt und marschieren lässt, anstatt sich ernsthaft mit ihnen zu beschäftigen. Symbolisch hängt in der dunklen, gediegenen Eingangshalle das Gemälde eines Segelschiffes auf hoher See, der rauen Welt des Mannes im Haus.

Sie, die Novizin mit zweifelhaftem Betragen im Kloster, öffnet erst ihm, dann er ihr beim österreichischen Volkstanz die Augen. Die gute, naturverbundene Kindfrau und Mutterfigur setzt sich gegen das mondäne Biest (Elisabeth Sikora) mit der falschen politischen Überzeugung durch. Denn der Kapitän zeigt Flagge, indem er keine hisst. Die adrette Kinderschar ist immer sofort gesangs- und tanzbereit und saugt dankbar jeden Ton der neuen Frau im Haus auf, die sie mit „Do-Re-Mi“ in die Welt der Musik entführt.

Die bedrohliche Realität bricht ein

Bei so viel Gutmenschentum und „crisp apple strudel“ könnte einem ganz anders werden, tut es aber nicht. Kochheim ist eine musikalisch ausgewogene Inszenierung mit viel Leichtigkeit gelungen, in der trotz des vorhandenen Schmalzes der Geschichte viele kitschfreie Zonen vorzufinden sind. Statt Bergromantik und Klosterpathos setzt der Regisseur auf ein klares politisches Statement.

Geschickt, scheinbar nebenbei, wird in einer unschuldigen und herrlich verspielten Flirtszene zwischen Liesl (Judith Caspari) und Rolf (Markus Schneider) das Hakenkreuz auf einer Armbinde eingeführt, die bedrohliche Realität bricht ein in das trappsche Familienidyll. Auf großer Leinwand ist schließlich der Führer zu sehen, während die harmonieschwangere Musik dahinplätschert.

Diese Kontrapunktierung verstört und gibt gleichzeitig Bedeutung jenseits aller „girls in white dresses“ und „schnitzel with noodles“. Nach rund 150 Minuten applaudiert das Publikum minutenlang.

Von Marie Varela

Die nächsten Vorstellungen: 7., 14. und 25. November sowie am 5., 12., 31.Dezember um 19.30 Uhr. Am Silverstertag steht auch eine Vorstellung um 15 Uhr auf dem Programm im Staatstheater Kassel, Friedrichsplatz. Kartentelefon: 05 61 / 10 94 222.
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Milchbar im Nörgelbuff