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Theaterblut und inszenierte Selbstmorde

Unmögliche Liebe Theaterblut und inszenierte Selbstmorde

Gut eineinhalb Stunden lang ist der Film „Harold und Maude“, der 1971 in die Kinos kam. Etwa parallel dazu entstanden auch ein Roman und eine Bühnenfassung. Die hatte am Sonntagabend Premiere im Deutschen Theater Göttingen – komprimiert auf sehr knappe 50 Minuten Spielzeit. Regisseurin Sabrina Glass setzte es als Zwei-Personen-Stück auf der Kellerbühne des Deutschen Theaters (DT) Göttingen in Szene.

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Ein ungewöhnliches Paar: Maude (Ingrid Domann) und Harold (Gerrit Neuhaus).

Quelle: Winarsch

Böse Kritiken hagelte es für die Geschichte der unmöglichen Liebe zwischen der fast 80-jährigen Maude und dem 18-jährigen Harold, aber auch diverse Auszeichnungen für den Film. Er verankerte sich im Gedächtnis, auch weil er über die Jahre immer wieder im Fernsehen lief. Harold ist ein sensibler junger Mann aus reichem Hause, der die Verkupplungsversuche seiner Mutter vereitelt. Er verschreckt die Bewerberinnen durch inszenierte Selbstmorde. So beginnt auch die DT-Produktion: Harold (Gerrit Neuhaus) suhlt sich in Blut. Er schreibt mit der roten Brühe einen Abschiedsgruß auf eine Wand und schmiert sich Hals und Pullover voll als habe er sich die Kehle durchgeschnitten. Später sprengt er sich in die Luft und hackt sich einen Arm ab. Der sensible junge Mann setzt sich zur Wehr. Er will sein eigenes Leben und nicht jenes, dass ihm seine Mutter entwirft.

Neuhaus bringt viel britisches Flair mit für die Rolle, doch gerät ihm die Darstellung ein wenig zu patzig. Viel Sensibilität und Kreativität seiner Figur bleiben auf der Strecke, wenn Harold nurmehr trotzig und mürrisch aufbegehrt.

Auf einer Beerdigung begegnet Harold der unkonventionellen Maude (Ingrid Domann). Die Senioren ist fast 80 Jahre alt, doch ausgesprochen kregel und kreativ. Als Querdenkerin würde man sie heute bezeichnen. Sie rettet Bäumen das Leben, verteilt Eigentum um und entscheidet selbst über ihren Abgang. Domann gibt ihr viel menschliche Größe und Glanz.

Beiden Schauspielern bleibt allerdings wenig Zeit, die (Liebes-)Geschichte zu entwickeln. Neuhaus reibt sich auf in Rollenwechseln. Er spielt neben Harold auch dessen Mutter, einige der heiratswilligen jungen Frauen, einen Psychiater und einen Pfarrer. Eine große Aufgabe.

Auch Glas hatte gut zu tun, denn neben der Regie übernahm sie auch die Ausstattung und entwarf dabei ein teils funktionales, teils leicht aus der Spur geratenes Bühnenbild. Eine schlichte Kiste dient vorzüglich als Versteck, Sprengkammer, Wand für Blutlettern oder Sarg. Etwas abseits hat sie ein arg verspieltes Zimmer für Maude entworfen, das von glänzenden Tüchern und gemalten Bildern dominiert wird. Dekoration überwiegt, Maudes Wohnraum mag man sich so nicht vorstellen.

Eine ganze Reihe von Regieeinfällen hat Glas verarbeitet. Sie lässt es krachen, projiziert Gesichter auf knuffige Knuddelfiguren, lässt Blut fließen. Doch bei all den Effekten ist die Poesie der Geschichte ein wenig zu kurz gekommen.
Weitere Vorstellungen: 30. Februar sowie 11. und 24. März um 20 Uhr auf der Kellerbühne des Deutschen Theaters Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05    51   /   49    69    11.

Von Peter Krüger-Lenz

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