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Theaterleben im Zettelkasten

Claus Peymann Theaterleben im Zettelkasten

Claus Peymann zählt zu den ganz großen Regisseuren im deutschsprachigen Raum. Nach Stationen in Bochum und dem Wiener Burgtheater ist er jetzt Intendant des traditionsreichen Berliner Ensembles. Aus dem Buch „Peymann von A - Z“, einem telefonbuchdicken Werk über ihn, hat er am Sonntagabend, 19. April, im Deutschen Theater Göttingen gelesen.

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„Solidarität mit den Schwachen“: Regisseur Peymann sieht sich als Anwalt der Entrechteten.

Quelle: dpa

Er sei „laut, besserwisserisch, begabt und wahnsinnig fleißig“. Noch nicht einmal die Hälfte von Claus Peymanns Lesung ist um, da ist der Intendant des Berliner Ensembles, dem Theater von Bert Brecht, beim Buchstaben I angekommen, „I wie Ich“. Gut 100 Minuten liest der 71-Jährige an diesem Abend aus dem Buch, von dem er sagt, er sei das Objekt des Werkes, aber auf keinen Fall das Subjekt. „Ich lehne jede Verantwortung ab.“ Zusammengestellt hat das Werk nämlich der Berliner Kritiker Hans-Dieter Schütt.

Seine Theaterarbeit über vier Jahrzehnte muss der streitbare und skandalfreudige Regisseur akribisch archiviert haben bis hin zu kurzen Mitteilungen oder handgeschriebenen Zettelchen. Aus diesem umfangreichen Material hat Schütt eine ungewöhnliche collageartige Biographie zusammengetragen und sie auch noch von A - Z geordnet, offenbar ohne tatsächliche eine chronologische oder andere Ordnung zugrunde gelegt zu haben. Herausgekommen ist ein aufschlussreicher und meist auch unterhaltsamer  Zettelkasten, aus dem Peymann mit Nähe und Distanz über sich selbst vorliest – eine eigenwillige Form: Peymann zitiert Peymann.  

„Ich bin ein Amateurschauspieler“, sagt der gelernte Regisseur zu Beginn nicht ohne Koketterie. Denn natürlich hat er viel abgeschaut von den Mimen, mit denen er über die Jahre zusammenarbeitete. Peymann sitzt in seinem Stuhl auf der kleinen Bühne im Studio des Deutschen Theater (DT) und schwitzt. „Mein Gott, ist das heiß hier.“ Nach fünf Minuten rollen die ersten Schweißtropfen über sein Gesicht. Gerade erzählt er von dem, was ihn mit Göttingen verbindet.

„War auch nicht mehr so doll“

„Göttingen 05, die gibt es nicht mehr. Und Heinz Hilpert im letzten Stadium. War auch nicht mehr so doll“, urteilt der Kollege des legendären Intendanten, der das DT von 1950 bis 1966 leitete und zu einem der führenden jungen Theater in Deutschland machte. Peymann inszenierte damals am Jungen Theater Göttingen, „meine erste oder zweite Berufsregie“, erinnert er sich. Auf dem Programm stand „Auf hoher See“ von Slawomir Mrozek. Zu seinem Ensemble sollte der damals noch junge Bruno Ganz gehören, doch der war inzwischen nach Bremen gewechselt. Später sollten sich ihre Wege wieder kreuzen.

Peymann erläutert sein Credo: „„Solidarität mit den Schwachen und den Mächtigen die Maske herunterreißen.“ Immer wieder steht er auf, pendelt zwischen Stuhl und Stehpult, steigt auch schon mal herunter von der Bühne. Er meckert über Journalisten im Allgemeinen und Theaterkritiker im Besonderen. Bekennt sich zu seinen Sympathien für die Terroristen der RAF und schildert anekdotische Details aus seiner intensiven Zusammenarbeit mit dem österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard (1931 - 1989). Meist glänzt der Regisseur und Intendant, vereinzelt gesteht er Fehler ein – „einer meiner ganz finsteren“ im Zusammenhang mit dem Rauswurf eines Schauspielers in Bochum. Er entließ Herbert Grönemeyer. Und zum Schluss dann noch der Superlativ: „111 Inszenierungen, davon mehr als 40 Uraufführungen. Stand: Dezember 2008.“ Peymann blickt stolz in die Zuschauerrunde.

                                                                                                                       Von Peter Krüger-Lenz

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