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Tiefsinn im Abgrund

Drei Autoren im Literarischen Zentrum Tiefsinn im Abgrund

Leben wir in düsteren Zeiten? Im Gegenteil, meinen die Autoren Heinz Helle, Ronja von Rönne und Thomas von Steinaecker, die bei Moderator Joachim Dicks zu Gast im Literarischen Zentrum waren. Doch gerade die gute Gegenwart ist ihnen suspekt. Ihre Romane lassen die sorgenfreie Zeit deshalb hinter sich.

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„Ich glaube nicht, dass es Grund für die schlechte Laune in meinem Buch gibt“, bekräftigt Rönne. Doch wie Helle und Steinaecker schreibt sie trotz sorgenloser Gegenwart düstere Geschichten. Helle erklärt das Paradox: „Es ist eine persönliche Unfähigkeit, das Gute um mich herum anzunehmen. Man kann die Normalität um sich herum nicht als etwas Besonderes wahrnehmen.“ Steinaecker fügt hinzu: „Die Verwirklichung der Utopie schlägt um in Dystopie.“

Ob die „neue Düsternis in der Gegenwartsliteratur“ wie Dicks es nennt nun eine Dystopie der Zukunft ist oder vielmehr die Gegenwart charakterisiert, darüber sind sich die Autoren nicht einig. Helle glaubt: „Wenn die strukturellen Voraussetzungen wegfallen, wird die Zivilisation schnell kollabieren. Das ist kein Gegenwartsproblem. Das ist menschlich.“

„Eigentlich müssten wir tanzen“

Helles Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“ spielt nach dem Weltuntergang. Als er anfing zu schreiben, habe er die Hoffnung gehabt, „dass banale Dinge, eingerahmt von brutalen, brachialen Szenen, einen Glanz bekommen.“ Helle wollte die Besonderheit der Normalität wieder fassbar machen. Auch Steinaeckers Roman „Die Verteidigung des Paradieses“ spielt nach dem Untergang der Welt – die Menschheit auf sechs Leute geschrumpft.

Rönnes Buch „Wir kommen“ schlägt einen anderen Ton an und kommt ohne Weltuntergang aus. Trotzdem ist ihre Protagonistin, umgeben von Menschen, einsam und depressiv. Rönne erklärt: „Es geht um vier Protagonisten, die versuchen in einer Vierer-Beziehung unglücklich zu sein statt nur in einer Zweier-Beziehung. Das ist aber genauso einfach.“

Rohe und brutale Sprache

Helle, der eine rohe und brutale Sprache für sein Buch gewählt hat, formuliert seine Antworten präzise und durchdacht. Steinaecker wirkt etwas zurückhaltender und überlegt länger bevor er redet. Dann äußert er die radikalsten Standpunkte. Rönne lockert die Runde auf mit ihren frechen Antworten und Textpassagen aus ihrem Buch, die so deprimierend-traurig wie pointiert sarkastisch sind. Sie sorgt dafür, dass trotz düsterer Literatur in der Düsteren Straße auch gelacht werden kann.

Kalaschnikow und Depression

„Ich fühle mich wie 1913“, sagt Steinaecker. „Es muss ja irgendeine Sehnsucht geben, wenn man auf Phoenix 24 Stunden vom Dritten Reich beschallt wird. Das kann nicht nur pädagogisch sein.“ Heute sei vieles komplexer. Es fehlten Feindbilder und klar umrissene Grenzen, um sich die Welt einfacher zu machen. Rönne stimmt ihm zu: „Depression muss man sich erstmal leisten können. Manchmal kann ich zwei Tage lange nicht aus meinem Bett aufstehen. Aber ich weiß genau, dass wenn jemand reinkommt und mit einer Kalaschnikow rumballert, dann bin ich ganz schnell aus dem Bett.“ Helle diagnostiziert: „Eine Überforderung mit der Freiheit.“

Drei Autoren, drei Romane, drei Standpunkte – ein spannender Abend.

Von Jorid Engler

Heinz Helle: „Eigentlich müssten wir tanzen“, Suhrkamp, 173 Seiten, 19,95 Euro.

Ronja von Rönne: „Wir kommen“, Aufbau-Verlag, 208 Seiten, 18,95 Euro.

Thomas von Steinacker: „Die Verteidigung des Paradieses“, S. Fischer, 416 Seiten, 24,99 Euro.

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