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Tim Egloff inszeniert „Nach dem Ende“ von Dennis Kelly

Premiere im Jungen Theater Göttingen Tim Egloff inszeniert „Nach dem Ende“ von Dennis Kelly

Louisa ist verkatert, ihre Erinnerung an den Abend vorher löchrig. Man hat gefeiert, und eigentlich war’s ganz lustig. Doch jetzt ist alles vorbei. Sagt Mark.

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Denkwürdige Momente

Gefangen im Spiel um Liebe und Macht: Mark (Dirk Böther) und Louisa (Henrike Richters).

Quelle: Eulig

Mit ihm hockt sie in einem unterirdischen Bunker, Marks privatem Rückzugsraum. Oben auf der Erde hat eine Atombomben-Explosion die Welt vernichtet. Sagt Mark. Ihm gehört der Bunker, ihm gehört das Essen, viel Chili, ihm gehört das Wasser – und die Erinnerung daran, dass Louisa ihn bei der Feier in dem Pub beleidigt hat. Und erniedrigt. Nicht zum ersten Mal. Tim Egloff hat das Stück „Nach dem Ende“ von Dennis Kelly am Jungen Theater (JT)Göttingen inszeniert. Premiere war am Freitag, 28. Januar.

Autor Kelly, 1970 geboren, aufgewachsen am Rande Londons in einer irischen Familie und katholisch erzogen, hat in einem Interview gesagt, dass sich die Menschen in seinen Stücken weh tun, ohne das zu wollen. Das passiert Mark und wohl auch Louisa. Mark liebt Louisa, das wird schnell klar. Absurde Dinge verlangt er von ihr, will ein Rollenspiel aus seiner Kindheit mit ihr spielen und rationiert ihr Essen, weil sie nicht will. Alles zu ihrem Besten natürlich, ist ja klar. Ist es nun perfide oder fürsorglich, wie er ihr zu Beginn häppchenweise beibringt, dass sie ihn am Abend vorher der Lächerlichkeit preisgegeben hat? Dass er sie gerettet hat vor der Explosion und dem atomaren Fall-out? Ist es nicht logisch, dass er sie anketten muss, damit sie nicht die Luke des Bunkers öffnet und das Verderben herein lässt?

Früh allerdings schleichen sich Zweifel ein ob der Lauterkeit des Retters. Vielleicht etwas zu früh. Marks Handlungen verraten bald die Besessenheit des Psychopathen. Doch das böse Spiel um Liebe und Macht entfaltet in dem kargen Ambiente unter der mächtigen Betondecke dennoch seine Anziehungskraft. Einen wesentlichen Anteil daran haben die Schauspieler Henrike Richters und Dirk Böther.

Zu Beginn zeigt Böther jenen Mark als (fast) ganz normalen jungen Mann. Er kommt sympathisch rüber, fürsorglich und vorausschauend. Böther entwickelt nur langsam die Bedrohlichkeit, die von Mark ausgeht, und das macht er glänzend. Richters hat ihre Figur ähnlich angelegt. Louisa wird erst allmählich misstrauisch, sie ahnt nur langsam, was geschieht und wird am Schluss, von den Ereignissen traumatisiert, ungeheuer abgründig menschlich, von Richters mit viel Größe gespielt.

Regisseur Egloff hat dieses Kammerspiel mit Fingerspitzengefühl inszeniert. Er gibt seinen Schauspielern die Zeit, ihre Charaktere zu entwickeln und erzählt die Geschichte souverän und kompakt bis zu ihrem Ende. Überraschende Regieeinfälle braucht ein solches Stück nicht, doch auch nicht die realistische Drastik, die Egloff irgendwann zulässt. Die drohende Kastration, handgreiflich am Bühnenrand gezeigt, macht den Stoff nicht bedrohlicher. Hier wäre weniger mehr gewesen. Dennoch ist ihm gemeinsam mit seinen Darstellern ein eindrucksvoller Theaterabend gelungen, der niemanden unbeeindruckt lassen sollte.

Weitere Vorstellungen: 1., 3., 9., 15., 18. und 24. Februar sowie am 1. und 16. März um 20 Uhr im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6. Kartentelefon: 05 51 / 49 50 15.

Von Peter Krüger-Lenz

Der Regisseur

Tim Egloff, 1974 in Hamburg geboren, studierte bis 1999 am Schauspiel München. Noch während der Ausbildung zum Schauspieler gab er sein Kinodebüt in „Die Häupter meiner Lieben“. Bis 2001 spielte er in zahlreichen Filmen, darunter „Schule“. 2001 ging er ans Schauspiel Düsseldorf, wechselte 2006 ans Nationaltheater Mannheim. 2008 inszenierte Egloff erstmals. „Nach dem Ende“ ist seine dritte Regiearbeit.

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