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Alpenglühen am Wolfgangsee

Tobias Bonn inszeniert „Im weißen Rössl“ Alpenglühen am Wolfgangsee

Gelöst war die Stimmung im Bistro des Deutschen Theaters (DT) am Sonnabend nach der Premiere des Singspiels „Im weißen Rössl“. „Er kriegt sie ja alle“, war schon in der Pause des 160-minütigen Abends über den Regisseur Tobias Bonn und die Produktion zu hören – das bewahrheitete sich am Ende auch.

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Ach ja, die Liebe: Zahlkellner Leopold (Roman Majewski) und Rössl-Wirtin (Katharina Uhland) kommen sich näher, Fabrikant Giesecke (Ronny Thalmeyer) staunt.

Quelle: Säckl

Göttingen. „Man kann das machen, aber man muss es machen können“, erklärte DT-Intendant Erich Sidler bei der Vorstellung des Ensembles im Anschluss an die Premierenvorstellung. Recht hat er, denn die wechselvolle Geschichte dieses Singspiels, das bei seiner Uraufführung 1930 in die wilde Zeit passte und in den 1950er-Jahren eher als seichte Operette gespielt und verfilmt wurde, macht es nicht ganz leicht, Erwartungen gerecht zu werden oder sie zu unterlaufen. Den Musik-Kabarettisten Geschwister Pfister um Tobias Bonn und Christoph Marti ist das 1994 mit einer legendären Inszenierung in der Berliner Bar jeder Vernunft gelungen. Marti führte dabei Regie und spielte den schönen Sigismund, Bonn war der Zahlkellner Leopold. An ihrer Seite: Otto Sander, Max Raabe und Meret Becker.

In Göttingen nun hat Bonn mit sicherer Hand Regie geführt und dabei das Singspiel ein Stück weit zu seinen Ursprüngen zurückführt. Im Gasthaus „Zum weißen Rössl“ prallen wieder österreichische Lässigkeit und Berliner Schnauze rustikal und nicht glatt gebügelt aufeinander. Die Handlung ist vorhersehbar – und das tut nicht mal weh. Am Ende kriegen sich die, von denen am Anfang schon klar ist, dass sie fein zueinander passen. Denn letztlich entscheiden alle mit dem Herzen. So empfiehlt es Kaiser Franz Joseph ja auch.

Der Herrscher der Alpenrepublik wird von Bernd Kaftan gespielt, eine Paraderolle für den Schauspieler, der vor einigen Jahren aus dem DT-Ensemble in den Ruhestand wechselte. Neben diesem alten Bekannten stehen drei neue Ensemble-Mitglieder auf der Bühne: Christina Jung als zauberhaft lispelndes Klärchen, Dorothée Neff als die attraktive Fabrikantentochter Ottilie und vor allem Roman Majewski, der als Zahlkellner Leopold so herrlich verliebt ist.

Großartig gelungen ist an dieser Inszenierung, dass nahezu jede Figur eine Abräumer-Rolle ist. Jeder hat seinen großen Auftritt, sei es Benedikt Kauff als Nachwuchskellner Piccolo, Gaby Dey als Briefträgerin und Präsidentin des Jungfrauenvereins Gerd Zinck als reiselustiger Privatgelehrter, Katharina Uhland als Rössl-Wirtin oder Moritz Schulz als der schöne Sigismund. Glanzvoll der Auftritt von Ronny Thalmeyer, der den Trikotagenfabrikanten Wilhelm Giesecke mit seinem prallen komödiantischen Talent herzerfrischend poltern lässt. Sie alle zeichnet aus, dass sie neben ihrer Schauspielkunst über veritable Singstimmen verfügen, eine unverzichtbare Kombination für dieses Singspiel.

Unterstützt werden sie trefflich von einer siebenköpfigen Band um den musikalischen Leiter Michael Frey. Dieses Salz-Kammerorchester hat sich mit Hackbrett und Akkordeon großartig eingespielt in die Heurigen-Seligkeit des Salzkammergutes.

Den österreichischen Landstrich mit dem Wolfgangsee, an dem das Rössl steht, hat auch Bühnenbildner Stephan Prattes würdig wiedergegeben mit einer mächtigen Bergkulisse, finsteren Wolken, dem heimeligen Wirtshaus und seinem lauschigen Biergarten. Hier laufen die Frauen im Dirndl umeinand und die Männer in Lederhosen oder im kecken Anzug (Kostüme: Heike Seidler). Die Alpenländler gehen es gelassen an, die Preußen eher schneidig. Zwei Kulturen prallen im weißen Rössl aufeinander, auch das hat Regisseur Bonn wieder herausgearbeitet. Einziges kleines Manko: Diejenigen unter den Schauspielern, die sich am österreichischen Zungenschlag versuchen, verheben sich dabei ziemlich.

Egal. Das Publikum feierte am Ende ausgelassen eine sehr unterhaltsame musikalische Produktion, die dazu tatsächlich hier und da auch ein wenig Tiefgang zu bieten hat. Bonn wird es genossen haben, vielleicht auch ein wenig wehmütig. Er begann seine Theaterlaufbahn vor rund 30 Jahren am DT. Einige von denen, die damals schon dabei waren, erinnern sich, dass er damals den Nachwuchskellner Piccolo spielte.

Die nächsten Vorstellungen: 13. und 21. September sowie am 9., 14. und 27. Oktober im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 0551/496911.

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